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Beggarsland von ROBERT POLZAR

8. November 2010

Es ist für Fremde immer eine seltsame Erfahrung, diese Stadt zu betreten. Auf dem Weg vom Haupttor zu dem großen Platz mit dem Zwillingsminarett lauern sie ihnen auf, klammern sich an ihre Mäntel und Röcke und recken ihnen flehende Hände und Geschwüre statt Gesichtern entgegen.
„Herr, Herr, beim Propheten und seinen Jüngern, eine milde Gabe, bitte, erinnert euch an die Pflicht, Almosen zu geben, Herr.“ Die Fremden stoßen sie zur Seite, angewidert von ihrem fauligen Atem und den tiefen eiternden Wunden an ihren Armen und Händen. Sie bedecken ihre Gesichter mit Tüchern und weichen von den Häusern, den Türen und den Vordächern in die Mitte zusammen, rücken Rücken an Rücken und suchen den Weg auf den rettenden Platz in der Mitte der Stadt.
Doch sie folgen ihnen. Auf ihren Stümpfen kriechen sie den Gehenden hinterher und verdoppeln ihre Rufe: „Herr, Herr, so haltet ein, erinnert euch eurer Pflicht, Herr, doppelter Segen ist gewiss dem jenigen der gibt. Herr, so wartet doch, ein Heller für euer Heil, ein Heller für euer Heil, gebt doch.“
Die Menge zieht sich noch mehr zusammen. Eilige Schritte, hastiges Stolpern und gedämpfte Rufe derjenigen, die fallen. Eine kopflose Herde wie ein blindes Tier. Hinter ihnen die zerfallende Meute, der Odem der Verwesung und in den Gesichtern die Zeichen der Zersetzung. Die Einäugigen heften ihre Blicke an ihre Beute wie Fliegen ihre Rüssel in tote Haut. Stöhnend recken sie ihre fauligen Finger und treiben die Verfolgung unbarmherzig voran. Ihre Fetzen fetzen über den steinigen Untergrund, ihre Knie stoßen sich blau und grün und wessen Stümpfe auf einem Wagen ruhen, der schabt sie sich blutig am Holz im Wahnsinn der Verfolgung.
Der Platz, nicht mehr weit, liegt in friedlichem Licht und ungewahr des stummen Kampfes der zwei sich nahenden Gruppen.
Nur ganz leise hört man die eiligen Schrittte, dahinter das dumpfe Schaben und hastigen Atem. Schließlich die ersten, es sind die Fremden, ihre Füße haben sie schneller getragen als die Bettler ihre Stümpfe. Erleichtertes Aufatmen als auch der letzte den Schatten entkommt und den lichten Raum betritt. Die verfaulende Meute bleibt im Schatten der Gasse zurück und murmelt leise Verwünschungen. Flüche der Verdammten. Die Fremden atmen auf im kühlen Schatten des Minaretts. Das Gemurre und der leise Fluch des Pesthauchs der Verfolger verblassen in den Geräuschen der Stadt und ziehen sich an den Rand der Wahrnehmung zurück wie Insektenbeine hinter Steinen verschwinden.
Gerettet. Eine heile Welt eine Frage der Wahrnehmung und des Glücks, einen Schritt schneller gewesen zu sein als das Elend.
„Herr, eine milde Gabe.“ Die Fremden erstarren als die Stimme erklingt. Langsam löst sich ein Schatten aus dem Schatten hinter ihnen. Eine Hand tastet sich vorsichtig vor ins Sonnenlicht, geöffnet, mit der Handfläche nach oben, nichts anderes balancierend als eine stumme Bitte. Es folgt der Arm, das Sakko, ein furchterregendes Gesicht und schließlich der andere Arm – mit dem Aktenkoffer.
Erleichtertes Aufatmen.
Sagt einer: „Puh, ich dachte schon, sie wollten Geld von uns.“
Der neue legt den Kopf ein wenig zur Seite.
„Ja, natürlich, was dachten denn Sie?“
Unsicheres Schweigen, Scharren mit den Füßen. „Aber…sie tragen doch einen Anzug.“
„Ja selbstverständlich. Ich arbeite bei der Deutschen Bank“, sagt es und zeigt mit einem Nicken auf die Zwillingstürme hinter ihm.
„Sie sind Bettler? Und bei der Deutschen Bank?“
Ein Lachen das das Eis bricht.
„Sehen Sie mal, ob sie das Geld mir hier geben, einem anderen Bettler oder in eine Filiale von uns bringen ist letztendlich egal. Weg ist es doch so oder so.“
„Und was machen Sie dann hier auf der Straße?“
„Oh das…ein kluger Plan unserer Führungskräfte, von denen ich zufälligerweise einer bin.“ Mühsam vorgeschobene Bescheidenheit lässt ihn auf seine Nägel blicken. Als Applaus ausbleibt sammelt er sich und erinnert sich der Kunden jenseits der unsichtbaren Schalterlinie.
„Wissen Sie, wir haben outgesourct. Eines Tages wurde die Menge an potentiellen Konkurrenten um Ihr Geld hier in den Straßen erdrückend groß. Sie lauerten an jeder Ecke, blockierten die Eingänge zu Geschäften und Bankfilialen und dabei machten sie einen unglaublichen Umsatz. Millionen von Menschen, die diese Stadt jeden Tag durchqueren, vollkommene Befreiung von der Steuer, wissen Sie, was das für einen Reingewinn bedeutet?“ Seine Augen fangen an zu leuchten. „Da dachten wir: „Penner sein – das muss der Renner sein“ und haben unsere gesamte Belegschaft mit Ausnahme der Informatik, die lebt sowieso im Keller, an die frische Luft verfrachtet und unsere Büroräume an den Staat, Abteilung Asylantenlager vermietet. Die werden richtig dick subventioniert,  meckern nicht, wenn auf dem Klingelschild weiter unser Name steht und wir können direkt beim Kunden arbeiten. Ist ja auch gesünder, von wegen Sauerstoff, Licht und so, Stiftung Warentest hat jedenfalls angedeutet, dass e
in Preis als Mitarbeiterfreundlichster Arbeitsplatz im Bereich Elektrosmog ansteht, das ist natürlich eine große – wie sagt man? – Ehre für uns.  Aber genug von ungelegten Eiern, schließlich sind wir ja hier um Geschäfte zu machen. Ich biete Ihnen heute etwas ganz besonderes an: Zwei statt einem, na wie klingt das?“
Eine vorsichtige Frage: „Zwei statt einem was?
Professionelle Geduld: „Na, Sie geben mir heute zwei statt einem Euro. Ist ein Superdeal, kann ich Ihnen sozusagen als Insider verraten.“ Zwinker.
„Aber…was kriegen wir dafür?“
„Ein gutes Gewissen!?“ witzelt einer verzweifelt.
„Ein was?“ Das erste Mal wirkt der Anzug ratlos
„Ach so, hab ich von gehört, wenn es uns nichts kostet können sie soviel davon haben wie Sie möchten. Ihr Glückstag heute sozusagen.“ Ein breites Grinsen über der aufgehaltenen Hand.
„Eine Frage.“
Leichte Ungeduld umwölkt den Zenit über der Krawatte.
„Bitte.“
„Was ist denn dann mit den Pen…mit den echten Obdachlosen?“
Aus dem Grinsen schälen sich scharfe Zähne. „Feindliche Übernahme. Das war kein Problem, schließlich haben wir größeres Kapital gebunden. Hat uns ein Lächeln gekostet. Die Leute arbeiten jetzt alle für uns oder müssen nicht mehr arbeiten.“
Der letzte Satz schwebt zwischen der zunehmend ratlosen Menge aus der nun ein anderer nach den verschorften Horden vor dem Eingang des Platzes fragt.
„Ach die. Ausländische Investoren. Societé Générale, die hatten ein bißchen Pech in der letzten Zeit. Aber wie Sie sehen, ist Frischluftarbeit nun gängige Praxis.“ Ein Piepen seines I-Phones unterbricht ihn.
„Oh, entschuldigen Sie vielmals, ich würde Sie jetzt doch bitten, ihre Kontobewegungen umgehend zu tätigen, ich muss in Kürze zu einem Meeting.“
„Zu einem…Meeting? Draußen?“
„Ja, selbstverständlich, ich war gerade auf dem Weg dorthin. Sie haben großes Glück, mich überhaupt getroffen zu haben. Wir treffen uns dreimal am Tag auf dem Crackhurengelände vorm Hauptbahnhof. Gleich kommt ein ganzer Zug Schweizer Touristen, das sind erstklassige Geschäftspartner. Zwischendrin stehen wir an den Reisebushaltestellen und machen Geschäfte mit den Asiaten. Das Geschäft boomt, kann ich Ihnen sagen, falls Sie also mal ein neues Arbeitsfeld suchen…“
Er lässt den letzten Satz kurz wirken und: „Wenn Sie jetzt so freundlich wären, Zeit ist Geld“, sagt er und geht mit aufgehaltener Hand durch die Menge.
Die Fremden erkennen die Unausweichlichkeit ihrer Lage. Verhalten klingen erst einzelne, dann immer mehr Münzen in der geldgewohnten Handfläche.
„Besten Dank, die Deutsche Bank wünscht Ihnen einen schönen Aufenthalt in Frankfurt am Main.“, trällert der Mann mit dem Aktenkoffer, den er kurz darauf benutzt um sich einen Weg durch die zersetzte Belegschaft der französischen Bank zu prügeln.
Die Fremden bleiben verloren in der Mitte des Platzes zurück und der Schatten der Zwillingstürme des Deutschen Kredit- und Bankenwesens liegt erdrückend auf ihren Häuptern.
Zum Glück kommt bald ein Angestellter der Commerzbank und reißt sie mit einem unschlagbaren Angebot aus ihrer Lethargie.
Penner sein – das muss der Renner sein.

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Säugetiere wärmen sich gegenseitig von ANDY STRAUß

25. Oktober 2010

Ich bin ganz normal und habe keine Probleme, denn ich verstehe alles, was um mich herum passiert. Straßenlaternen zum Beispiel. Es sind große Masten aus Metall, die über lange Strecken aufgereiht sind und unterirdisch mit Strom versorgt werden. Oben in ihnen befindet sich eine Glühbirne, die Zeitweise leuchtet, denn sie haben innen drin eine Zeitschaltuhr. Sie werden aufgestellt, damit wir Menschen nachts einen Parkplatz finden und die Prostituierten keine Angst im Dunkeln haben müssen. Das verstehe ich alles, das ist sehr gut, das ist praktisch. Alles ist logisch, aufgereiht und sinnvoll, so essen wir Dinge, um sie zu verdauen um Energie zu haben um Dinge zu tun, damit wir wieder Dinge kaufen können, um sie zu essen. Nervös macht mich nur die Schimpansenfrau. Ich wohne hier in dieser Straße mit den vierzehn Straßenlaternen seit sechs Monaten, das ist ein halbes Jahr immerhin, und komme auch gut mit den Nachbarn aus. Zum Beispiel mit der Familie Walter, bei der es sich um die Familie handelt, die in dem Haus lebt, welches das erste Haus ist, welches ich passiere, wenn ich mein Haus durch die Vordertür verlasse und nach rechts laufe. Familie Walter ist eine gute Familie, sie machen Grillfeste für die Nachbarschaft, brachten mir Brot und Salz als ich einzog und alle Familienmitglieder haben dieselbe Augenfarbe. Es gibt zwei Söhne, Marc und Sven, die ich „die Burschen“ nenne und sie spielen Fußball im Garten und fragen höflich, wenn der Ball in meinem Garten landet. Es mag viele Gründe geben, immer ein scharfes Messer neben der Haustür liegen zu haben, aber die Jungs sind keiner davon. Sie sind nett, ihre durchtrainierten Waden glitzern im Sonnenlicht und aus ihnen wird etwas werden. Aber verlasse ich mein Haus und gehe ich noch weiter nach rechts, dann ist dort das Haus der Schimpansenfrau. Sie wohnte hier angeblich schon vor der Wende und auch damals schon mit ihren zwölf Schimpansen zusammen und sie macht mich nervös, so nervös, dass mein rechtes Auge anfängt zu zucken, sobald über sie nachdenke. Fest steht, dass ich niemals in das Haus direkt neben ihrem Haus gezogen wäre und fest steht auch, dass Familie Walter allein deshalb schon einen Platz in meinem Herzen hat, weil ihr Haus einen antischimpansischen Schutzwall zwischen dem Haus der Schimpansenfrau und meinem Haus darstellt. Folglich ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich, als mich die Familie Walter fragte, ob ich mich, während ihres Urlaubs, um ihre Pflanzen kümmern könnte, bejahte. Zu meiner Zuneigung kam noch die Angst, die ich davor hatte, dass Familie Walter eventuell wegzöge, wenn sie aus dem Urlaub nach Hause kämen und die Blumen wären vertrocknet. Der Verlust von Blumen kann eine sehr schmerzvolle Erfahrung sein und sich untrennbar an den Ort des Erlebens haften. Ich selbst habe es einst mit einer Tulpe erlebt, deren versterben meinen letzten Umzug veranlasste. So also betrat ich in den letzten drei Tagen, also seit der Abreise der Familie Walter, täglich um zehn Uhr das Haus und kümmerte mich für mehrere Stunden um die Blumen, goss sie, sprach mit ihnen und wischte ihnen den Staub von den Blättern. Was ich allerdings nicht verhindern konnte, waren die Blicke, die ich aus des Hauses Fenster in Richtung der Fenster des Hauses der Schimpansenfrau fast zwanghaft werfen musste. Und jedes Mal erblickte ich entweder die Schimpansenfrau in Persona oder mindestens einen ihrer Affen. Ich hielt die Blicke so lange aus, bis mein linkes Auge zu sehr rebellierte und ich mich, vor einem epileptischen Schock rettend, einfach auf den Boden setzte, bis Farbe in mein Gesicht zurückgekehrt war. Ich sah die Schimpansenfrau, wie sie einen kleinen Affen mit einer Flasche fütterte, sah sie, wie sie einem größeren Schimpansen den Rücken kraulte, sah sie, wie sie mit ihnen redete. Sie nennt die Schimpansen „ihre Kinder“ und das Fernsehen war schon öfters bei ihr.

Und wie an den drei vorausgegangen Tagen sitze ich auch jetzt vor dem Fenster auf dem Boden und versuche mich zu beruhigen. Ich versuche an Dinge zu denken, die ich verstehe, an Straßenlaternen, an die Familie Walter, die in einem Auto sitzt und der Sonne im Süden entgegenfährt und an die Temperatur von Grillkohle, wenn sie glüht. Wie kann eine Frau mit Schimpansen zusammenwohnen? Warum wird man zu einer gottverdammten Schimpansenfrau? Ich suche Rat in der Logik, stelle Prämissen auf, versuche Konklusionen, doch alles, was ich mir zurecht denke ist schwach und funktioniert nicht. Es gibt keine logischen Voraussetzungen, aus denen folgt, dass man mit zwölf Schimpansen zusammenwohnt. Zornig stehe ich auf und öffne das Fenster. „Uga uga!“, brülle ich in Richtung des Schimpansenfrauenhauses. Die Schimpansenfrau, deren riesige Brüste so beschaffen sind, dass sie sich die eigenen Ohren damit zuhalten kann, scheint genau das gerade zu tun, denn sie reagiert nicht auf meine Rufe. Ich sammle also Energie um kräftiger zu schreien, setze wieder an, dieses Mal lauter: „Uga, Uga!!“ Erneut keine Reaktion von ihr, nur mein Auge, das zuckt. Vom Fenster aus erreiche ich den Blitzableiter, der außen am Haus angebracht ist und klettere an diesem herunter. Dann laufe ich so tief geduckt durch den Garten der Walters bis zur Straße, dass meine Hände über den Boden schleifen. Uga, denke ich, als ich vor der Schimpansenfraus Haustür stehe und die Klingel betätige. Keine Sekunde später öffnet mir ein Schimpanse die Tür. Er schaut mich an und kratzt sich den Kopf, dann bittet er mich mit einer freundlichen Geste herein und deutet mit seiner Pfote in Richtung des Wohnzimmers, wo ich Platz nehme. Drei der Menschenaffen sitzen dort gesittet an einem Tisch und Trinken eine dampfende Flüssigkeit aus Porzellantassen. „Ihr verdammte Affenbande“, murmle ich und will gerade das  Haus wieder verlassen, als einer der Schimpansen am Tisch mich zu sich winkt. Weil bereits ein sehr großer Affe hinter mir steht und den Rückweg versperrt, gehorche ich laufe auf ihn zu. „Uga!“, sage ich, und dann nochmal „uga“. Als ich vier Schritte gelaufen bin, springt aus einem Schrank die Schimpansenfrau, nur mit einem stählernen Keuschheitsgürtel und einem fliederfarbenen Latex-BH bekleidet. Sie ist aus der Nähe um einiges hässlicher als aus der Ferne, denke ich, und dass ich sie wirklich hasse. Sie indes pfeift einmal sehr laut, wobei sie ihre Finger zur Hilfe nimmt, und verschafft sich dadurch die Aufmerksamkeit ihrer Mitbewohner, welche sie nutzt, um ihnen zu befehlen, sich in den Keller zu verpissen. Die Affen gehorchen und verschwinden demütig gebeugt. Als Stille ist, legt die Schimpansenfrau eine Schallplatte von Rio Reiser auf ein antikes Grammophon und beginnt im Takt von Junimond auf mich zu zu schunkeln. „Du kleiner Affenmensch, es ist schön, dass du dich endlich hierher verirrt hast!“, säuselt sie. Mir wird schlecht und ich sehe merkwürdige Farben. „Hast du den Schlüssel im Haus der Walters gefunden und bringst ihn mir?“, fragt sie und deutet auf ihren Gürtel aus Stahl. Alles bleibt Still und kein Sturm kommt auf, wenn ich dich sehe, krawehlt Rio, als ich ihre Frage verneine. Dann schickt sie mich zu den anderen in den Keller, ich gehorche. Seit Stunden passiert nichts. Andere Schimpansen kraulen mir die Haare und beruhigen mich mit ihren Lauten. Dieser Keller ist nicht schlechter als andere Keller. Es ist Stroh ausgelegt, der zum Schlafen einlädt und Säugetiere wärmen sich gegenseitig. Endlich ist wieder alles so, wie es damals war, bevor die ganze Sache anfing, kompliziert zu werden, vor der Kahlrasur und der Krabbelgruppe. Zeit, die Sprache wieder zu verlernen.

Andy Strauß ist gerade auf Lesetour (für Dates hier klicken) um sein aktuelles Buch Albträumer ISBN 978-3-86608-137-6 vorzustellen.

Melek von DOMINIK STEINER

19. Oktober 2010

Verliebt war ich in Melek seit sie mich ins Wasser geworfen hatte. Bis dahin hatten wir uns nicht wirklich gekannt. Sie war mir zwar vorher schon ein paarmal aufgefallen, und manchmal hatte ich den Eindruck unsere Blicke hätten sich gestreift, aber gesprochen hatten wir nie. Unsere erste Berührung war der kleine Schubser den sie mir gab, als ich neben ihr über die Kanalbrücke schlurfte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich klatschte ins Wasser, und als ich verwundert wieder auftauchte, sah ich dieses fremde Mädchen in die Hocke gebeugt über mir sitzen und mich breit angrinsen. „Na warte, du..“ Ich kraulte zum Kanalrand, sprang aus dem Wasser und sah sie lossprinten. Sie rannte an der rechten Liegewiese am Kanal entlang, ich hastete ihr auf der linken nach. Es gab nur zwei Brücken die zur rechten Seite führten. Über eine musste sie früher oder später gehen. Ich setzte mich ins Gras und wartete. Sie schlich sich an die vordere Brücke heran. Wir musterten uns. Ich blieb sitzen. Sie verharrte eine Weile, dann rannte sie los. Ich wuchtete mich hoch, und sprintete ihr hinterher. Wir schlängelten uns vorbei an krebsroter Cellulite und sonnenverwöhnten Bierwampen, trampelten über Handtücher und verwischten den Rauchern im Vorbeihuschen ihre kühle Wolkendecke. Sie war schnell, aber ich holte auf. Nach ein paar hundert Metern hatte ich sie. Ich stellte ihr ein Bein. Sie stolperte, und riss mich mit. Ich landete auf dem Arsch, und schürfte mir die Schenkel am vertrockneten Gras auf. Sie drehte eine Pirhouette, und platschte ins Wasser. Ich kugelte hinterher. Unter Wasser bekam ich einen Fuß von ihr zu fassen. Ich versuchte sie an mich heranzuziehen. Sie schlug aus, und traf mich an der Brust. Ich keuchte. Jetzt reichte es mir. Ich sprang ihr entgegen, nahm sie in den Schwitzkasten, hebelte ihr die Beine aus und tauchte sie ordentlich. Nach ein paar Sekunden liess ich sie wieder los. Sie tauchte langsam auf, und sah mich unschuldig an. „Hast du auch nen Namen, oder hat man dir stattdessen ein paar Reflexe zuviel gegeben?“ fragte ich. „Melek.“ sagte sie lächelnd, sah mir kurz in die Augen und verschwand dann unter Wasser um mir die Beine wegzuziehen.

Ich sah sie jetzt jeden Tag am Kanal. Wir sprachen selten, doch ich merkte dass sie sich in Sichtweite von mir hinlegte. Sie war immer allein. Wieso war sie nicht wie alle anderen hübschen Mädchen mit Jungscliquen unterwegs? Vielleicht kannte sie hier niemanden? Wenn, dann schien ihr das nichts auszumachen. Sie lag stundenlang rum, kritzelte irgendwas in ein Notizbuch, oder lag nur da und sah in den blauen Himmel. Ab und zu sah sie auch zu mir. Es schien als würde sie lächeln, doch auf die Entfernung konnte ich das nicht wirklich einschätzen, und sah bald weg. Ich ging ein paar Bahnen schwimmen. Als ich zurückkam war sie verschwunden.
Für heute hatte ich auch genug. Ich packte meine Sachen, holte mein Skateboard aus dem Schließfach und rollte in Richtung Innenstadt. In einer kleinen Seitenstraße holte ich sie ein. Ich gab ein bisschen Gas, sprang neben ihr auf den Gehsteig, und liess das Deck von der Kante flippen. Mit einer 180 Grad Drehung brachte ich das Board zum stehen, nahm es in die Hand und ging ihr entgegen.
„Wie oft hat’s dich auf die Schnauze gehauen bis du das konntest?“ fragte sie.
„Viel zu oft.“
Sie nickte, und strich sich eine Strähne aus der Stirn.
„Wirfst du eigentlich alle die du nicht kennst ins Wasser?“
„Nur wenn’s mich stört dass ich sie nicht kenne.“ Sie sah mich lächelnd an. Mir wurde heiss.

Am nächsten Tag legte ich mich zu ihr. Ich gab ihr ein Eis aus und wir schleckten es auf den Tischtennisplatten bei den Umkleidekabinen. Als wir uns die Kugeln grad schön schmecken liessen, krabbelte eine dicke Spinne an unseren Füßen vorbei. Melek steckte ihre Waffel ins Tischtennisnetz, bückte sich und schnappte sich das Vieh. Sie zwinkerte mir zu. „Komm such dir auch eine.“ Ich legte die Waffel auf die Platte, und sah mich auf der Wiese um. Ich musste nicht lange suchen, bis ich ein wohlgenährtes Prachtexemplar eines Stinkkäfers fand. Melek war beeindruckt. Wir legten uns auf die Lauer. Als sie das Zeichen gab schlich ich hinter ihr her und schloss mich mit ihr in einer der Kabinen ein. Wir hörten Geräusche nebenan. Melek stellte sich auf das Sitzbrett und lugte in die Nachbarkabine. Sie hielt mir die Hand entgegen. Ich gab ihr den Stinkkäfer. Sie visierte einen Moment die Stelle an, dann liess sie die Viecher herabrieseln. „Hilfe! Iiieeeeh, Hilfe!“ Noch als sie sich wieder bückte ertönte der Schrei, markerschütternd und herrlich schrill. Die Tür knallte, nackte Füsse trappelten. Ich öffnete die Kabine, und sah eine halbbekleidete ältere Dame davonstürmen. Melek krümmte sich vor Lachen. Ich lag bald auch am Boden und bekam Magenschmerzen vom überreizten Zwerchfell.
„Hey, lass uns mal auf die Sonnenterrasse. Da könnt gleich jemand kommen.“ keuchte sie mit tränenden Augen. Das liess ich mir nicht zweimal sagen.
Wir legten uns aufs heisse Pflaster der Terasse. Ich fühlte mich großartig und unangreifbar.
„Hier oben ist zwar kein Kanal, aber ich glaub ich werf dich trotzdem ins kalte Wasser.“
„Probier’s.“ lächelte sie.
Ich drehte mich zu ihr und strich ihr durch die Locken. Ihr Blick wurde weich. Ihre Lider senkten sich langsam. Ich küsste ihre Oberlippe. Sie drückte mich fest an sich. Ihre Küsse schmeckten wie weiches Wachs. Ihre Bewegungen tanzten mit meinen verstecktesten Geistern. Die Zeit war ein Zelt das dem Sturm ihres Schulterzuckens nicht lange standhielt.

Melek wollte unbedingt Skaten lernen. Ich war ein guter Trainer, und sie lernte schnell. Sie stürzte sich gerade in die Halfpipe als ein Auto neben dem Park anhielt. Ein Mann stieg aus. Er sah uns seltsam an. Als Melek ihn bemerkte erstarrte sie. Der Mann ging einen Schritt auf den Hügel am Skatepark zu, und sagte Dinge auf persisch. Es klang nicht nett. Melek verschränkte die Arme und sah ihn eindringlich an. „Du kannst mich nicht einsperren!“ Der Mann wurde rot, und begann wild zu gestikulieren. Seine Stimme klang hoch, ihr Nachdruck war beängstigend. „Ich hab dir schonmal gesagt. Ich bin alt genug, selbst auf mich aufzupassen.“ schrie Melek. Ihr Vater sah jetzt zu mir. Er behielt mich eine Weile im Auge, sah dann zu seiner Tochter, und sein verachtender Gesichtsausdruck benötigte keine Worte mehr um sich einzuschürfen. Zornig ging er zu seinem Wagen, startete ihn und brauste davon. Melek sank zu Boden und begann zu schluchzen. Ich setzte mich neben sie und nahm sie in den Arm.
„Dieses Arschloch. Dieser verdammte Wichser. Wieso begreift er nicht dass ich ein eigenes Leben habe?“
Sie sah mich fragend an. Ihre Augen waren so klar. Ich wusste nicht was ich sagen sollte.

Die nächsten Tage war sie nicht beim Schwimmen. Ich wusste nicht wo genau sie wohnte, aber ich kannte den Stadtteil. Ich hinterlegte bei der Pförtnerin des Freibads meine Adresse für den Fall dass sie doch noch kam. Dann skatete ich wie ein Irrer durch die Straßen ihres Bezirks, doch ich sah sie nicht. Alles sah gleich aus. Die Häuser, die Autos, die Menschen. Wie sollte man hier jemanden finden? Frustriert fuhr ich nach Hause. Ich hatte nur ihren Namen. Melek. Süße, süße Melek. Keine Telefonnumer. Keinen Nachnamen. Nur ihr wundervolles Lächeln, und den Geschmack ihrer Küsse so tief in Erinnerung dass jedes Aufbäumen der Realität wie ein fader Traum sofort wieder verpuffte. Ich wälzte mich im Bett, und starrte aus dem Fenster. Die Nacht war viel zu heiß. Die Stadt viel zu laut. Wenn ich sie nur hören könnte.
Ich schlief nicht, doch ich träumte. Ich lag in einer U-Boot Koje, und Schüße dröhnten an die Wände. Die Kugeln drangen nicht ein weil sie zu schwach waren. Ich wusste das, aber keiner sonst. Alle schrien, doch ich wusste, es würde nicht aufhören. Es würde nie aufhören. Ich schreckte auf. An der Balkontür stand Melek. Sie klopfte. War ich wach? Sie schnitt eine Grimasse. Ich stürzte zur Balkontür, öffnete sie und drückte sie so fest ich konnte.
„Die Pförtnerin?“
Sie nickte.
„Ich geh nicht mehr zurück. Ich geh da nicht mehr hin.“ sagte sie kalt.
„Hat er dich geschlagen?“
„Nein, das nicht. Er hat mich in meinem Zimmer eingesperrt, und ist dann in die Arbeit als ob nichts gewesen wäre.“
„Wie bist du rausgekommen?“
„Ich hab’n Stuhl durch’s Fenster geworfen. Dann bin ich auf den Balkon im ersten geklettert, und von dort gesprungen.“
Ich strich ihr ein paar Glassplitter aus den Haaren.
„Jetzt bist du erstmal in Sicherheit. Scheiß drauf was morgen ist.“
„Ja, du hast recht.“ Sie lächelte. „Hey, Schön dich zu sehen.“
Sie umklammerte meine Hüfte, und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Wir liessen uns fallen. Da wo vorher ein Dröhnen und Lärmen war, ertönte bald, leise und ganz vertraut, der unfehlbare Gleichklang zweier im Dunkeln tanzender.

Am nächsten Morgen gingen wir früh raus. Wir irrten durch die Stadt. Die Stadt war groß, aber nicht groß genug wenn man unsere Wege kannte. Hinter jeder Straßenecke vermutete ich die Inquisition. In jedem Schaufenster spiegelte sich der unbarmherzige Griff von Meleks Vater. Gerade war Jahrmarkt. Da konnte man sicher gut in der Menge untergehen. Wir schlenderten vorbei an den Buden. Es roch nach Bier und gebrannten Mandeln, ein Hauch von Aggression und Euphorie schwelte über den Festplatz. Doch niemand nahm von uns Notiz. Das beruhigte mich ein wenig. Vor dem Crazy Twister blieb ich stehen.
„Hey, Lust da mitzufahren?“
„Langweilig“ grinste Melek. „Das hier sieht eher interessant aus.“ Sie zeigte auf den Satans Looping.
„OK?!“ Ich bekam weiche Knie wenn ich dran dachte da mitzufahren, aber die Fahrt würde uns auf andere Gedanken bringen. Ich kaufte zwei Tickets, und wir machten es uns in den gepolsterten Sitzen bequem. Als sich die Sicherheitsbügel schlossen tippte Melek mich an. Sie deutete mit dem Kopf zum Kassenhäuschen. Ich sah ihn sofort. Er hatte uns scheinbar noch nicht entdeckt. Während der ganzen Fahrt starrte ich nach unten. Ich sah dass er sich nicht wegbewegte, dann sah ich den Himmel und drehte mich vorbei an den Ständen und Zelten, bevor es mich wieder in Richtung Wolken drückte, und ich der Schwerkraft erneut entgegenfiel. Nach der Fahrt war ich schwach auf den Beinen, doch ich musste mich zusammenreissen. Wir schlichen uns uns vom Fahrgeschäft, und drängten uns durch die Menge. Ich sah ihn an einer Losbude stehen. Wie war er so schnell dahin gekommen? Melek sah ihn auch. Wir verharrten eine Sekunde. Er machte einen Schritt auf uns zu. Wir begannen zu laufen. „Da rein!“ Melek zog mich in die Geisterbahn. Wir huschten vorbei am Kassenhäuschen, sprangen über die Wagen und rannten zu Fuß in den engen Tunnel. Fuck war das dunkel. Irgendwo zwischen kichernden Hexen und dem dumpfen Charme von Frankenstein flimmerte ein rettendes Stroboskop. Wir kauerten uns auf den Boden. Ich hielt Melek fest.
„Ich will nicht dass er dich mir wegnimmt.“ Sie drückte ihren Kopf an meine Schulter. Ich strich ihr durch die Locken.
„So schnell lass ich dich nicht los.“
Ich spürte einen Kuss auf der Wange. Ihre Hände schlossen sich um meine Brust. Diese Atemzüge gehörten uns.
Irgendwann weckte uns ein Getrampel und Geschrei. Taschenlampenlichter zuckten. Menschliche Stimmen drangen bedrohlich durchs heilsame Dunkel. Wenn es doch nur Frankenstein wäre, oder die Hexe, oder einer dieser Mutanten, aber es war der Geisterbahnbetreiber mit zwei Bullen im Schlepptau. Sie führten uns ab. Draussen übergaben sie Melek ihrem Vater. Ich sollte zum Verhör mitkommen. Die Bullen schwafelten irgendwas von Hausfriedensbruch und Diebstahl. Als sie mich zu ihrem Wagen schoben, drehte ich mich nochmal um. Ich sah wie Meleks Vater sie fortzog. Unsere Blicke trafen sich einen unendlichen Moment, dann riss sie sich los, lief einen Schritt, und wurde doch gleich wieder von einem stählernem Griff ausgebremst. Die Bullen zeigten keine Reaktion. Ich sah noch wie Melek ihrem Vater ins Gesicht spuckte, und sich schließlich mit gesenktem Kopf seinem Willen fügte, dann schob mich der Bulle in den Wagen und knallte die Tür zu.

Einen Monat später erreichte mich ein Brief. Melek war zu ihrer Cousine nach Antwerpen geflohen. Sie schrieb es gehe ihr gut. Sie könne in Antwerpen bleiben, und dort zur Schule gehen, studieren, leben. Ihr Vater hat eine Suchmeldung rausgegeben. Aber er wird nicht erfahren wo sie steckt. Ihre Cousine ist, genau wie sie, auch geflohen. Es wird schwer sein, sie zu finden. Es wird schwer sein dich zu finden. Süße, süße Melek. Nicht nur für die vor denen du geflohen bist. Ich steckte den Brief in die Tasche und wiederholte wieder und wieder die letzten Worte. In Liebe.

 

Dominik Steiner hat bisher veröffentlicht:

„Leben und Leben hassen“ 2010 ISBN: 978-3-86608-131-4

ISBN: 978-3-86608-131-4

Dirk Bernemann Vogelstimmen Lesetour

18. Oktober 2010

Dirk Bernemann stellt seinen neuen Roman Vogelstimmen im Rahmen einer Lestour durch Deutschland vor.

Hier die Dates:

20.10. Hamburg – Haus 73
21.10. Halle – Ulrich Medienwelt
22.10. Castrop-Rauxel – Bahia de Cochinos
23.10. Dorsten – Buchhandlung König und Parrenin
28.10. Kaiserslautern – Roachhouse
30.10. Koblenz – Apparat
05.11. Berlin – Periplaneta
06.11. Berlin – Periplaneta
07.11 mit HORQUE auf dem Maschinenfest in Oberhausen
13.11. Osnabrück – Big Buttinsky
19.11. Mülheim an der Ruhr – Stadtbibliothek
21.11. Duisburg – DJäzz
27.11. Köln – Limes Club
10.12. Braunschweig – Riptide
20.12. Berlin – Kaffee Burger

2011

19.01. München – Palais Club
29.01. Elmshorn – Apollo
30.01. Kiel – Café Exlex
04.02. Coesfeld – Fabrik
11.02. L-Wiltz – Präbelli

Tourdates Andy Strauss

18. Oktober 2010

Andy Strauss geht auf Lesetour um sein neustes Buch Albträumer vorzustellen.

Hier die Dates, vielleicht auch in deiner Nähe? Wenn nicht, trotzdem hingehen!

Albträumer

18.10.    Münster    Fyal (Releaseparty)
19.10.     Koblenz    Circus Maxiums (Slam)
20.10.    Osnabrück    Lagerhalle (Lesebühne)
21.10.    Hannover     Faust (Slam)
23.10.    Hamburg    Haus 73 (Lesung)
24.10.    Düsseldorf    ZAKK (Lesung)
25.10.    Münster    Cuba Nova (Lesebühne)
26.10.     Köln        Bahnhof Ehrenfeld (Slam)
27.10.    Koblenz    Circus Maximus (Lesung)
29.10.    Trier        Café Lübke (Lesung)
30.10.    Siegen        Dee2 (Lesung)
2.11.     Berlin         Lido (Slam)
3.11.    Köln        Wohngemeinschaft (Lesung)
6.11.    Ludwigsburg    Kunstverein (Slam)
7.11.    Stuttgart    Keller-Club (Slam)
8.11.    Bremen         Tower (Lesung)
14.11.      Würzburg      Posthalle (Slam)
17.11.    Dortmund    Domizil (Lesebühne)
22.11.    Münster    Cuba Nova (Lesebühne)
25.11.    Mainz        tba (Slam)
26.11.    Dresden    Scheune (Slam)
27.11.    Leipzig        Distillery (Lesung)
28.11.    Halle        Moritzburg (Lesung)
28.11.    Halle        Moritzburg (Lesung)
29.11.    Jena         Glashaus (Slam)
30.11.    Berlin        Kaffee Burger (Lesung)
06.12.     Ansbach    Kammerspiele (Lesung)
7.12.    Dresden     Scheune (Lesung)
08.12.    Hamburg    Kammerspiele (Slam)
09.12.    Kiel        Roter Salon (Slam)
10.12.    Hamburg    Zeise Kinos (Slam)
11.12.    Lübeck        Filmhaus (Slam)
14.12.     Dortmund    Domizil (Lesebühne)
15.12.     Osnabrück    Lagerhalle (Lesebühne)
16.12. Nürnberg    K4 (Slam)
19.12. Saarbrücken    Theater im Viertel
29.12. Lüneburg    Salon Hansen (Lüneburg)
30.12. Hamburg    Übel und Gefährlich (Slam)

Ein Mann von ROBERT POLZAR

12. Oktober 2010

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch in einem Raum mit einem Fenster.

Ein Mann sitzt in einem Raum mit einem Fenster zu Straße. Vor dem Fenster fangen die Farben an zu verblassen.

Ein Mann sitzt vor den Farben ohne sich ablenken zu lassen. Ein Mann den die Farben vor allem anderen hassen.

Ein Mann sitzt in einem Raum auf einem Stuhl.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl bei Tag und bei Nacht. Ein einsamer Mann wacht. Er sitzt auf seinem Stuhl ob es stürmt oder schneit, als warte er auf etwas, das ihn befreit.

Ein Mann sitzt an einem Tisch, umgeben von weiß. Ein Mann der als einziger weiß wie er heißt. Ein Mann wie ein Fleck in einem Raum ohne Dreck. Ein Mann wie er geht niemals weg. Ein Mann ist der Fixpunkt in einem Raum voller weiß. Ein Mann mit einer schwarzen Seele, wie es heißt. Ein Mann der in sich aufsaugt, was der Raum ihm entbehrt. Ein Mann der keinen Eintritt in seine Schwärze gewährt.

Ein Mann von dem die Menschen nur flüsternd erzählen, sitzt in einem Raum auf metallenen Stehlen. Ein Mann in einem Universum aus Kunst und aus Blut, er sitzt in seinem Raum, das ist alles, was er tut.

Ein Mann sitzt in der Mitte wie ein Haufen aus Dreck. Ein Mann in seiner eigenen Welt nur ein Fleck. Ein Mann den nachts Dämonen jagen, Dämonen die sich in das weiß nicht wagen.

Ein Mann verdammt auf einem Stuhl zu bleiben und langsam am Leben vorüber zu treiben.

Ein Mann der einst zuviel begehrte und dem das Leben zuwenig gewährte. Ein Mann unter tausend, ein Mann ohne Ziel. Ein Mann der einst etwas zu tief fiel.

Ein Stuhl ein Tisch, ein Raum ohne Farbe, ein schwarzer Fleck wie eine klaffende Narbe. Die Endstation Leben, gefangen im Nichts, die Schwärze der Mitte, das Ende des Lichts.

Ein Raum in einem Traum ohne Sinn ohne Ziel, ein Mann ohne Leben ohne Anteil am Spiel. Ein Mann der schon tot ist, aber es noch nicht weiß, bis der Tod ihn gnädig der Erde entreißt.

Ein Mann der langsam verwest und verweicht. Ein Mann dem die Zeit die Farbe ausbleicht. Ein Mann war einst ein schwarzer Fleck, im Tod bleibt von ihm nur weißer Dreck.

Ein Mann sitzt in einem Raum ohne Licht. Aus dem Fenster sieht er nicht.

 

ROBERT POLZAR hat bisher noch kein Buch veröffentlicht und ist somit der Neuling hier in der Runde. Im Herbst 2011 erscheint sein Debut beim Unsichtbar Verlag. Momentaner Arbeitstitel: „Hunde die sprechen beissen nicht!“

Zigarettenbeziehungen – Beziehungszigaretten von MIRJAM DREER

7. Oktober 2010

Zwei Dinge braucht der Mensch um unbeschadet sein Dasein zu fristen und (einigermaßen) glücklich durchs Leben zu kommen. Zum einen: Liebe. Eh klar. Es gibt wohl nichts, das mit dem Gefühl vergleichbar ist, zu lieben und wieder geliebt zu werden. Und zum anderen: Die Sucht. Man kann natürlich auch süchtig nach Liebe sein, dann schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Mal ehrlich; im Grunde ist jeder nach irgendwas süchtig. Es müssen ja nicht immer gleich Drogen sein. Süchtig nach Schokolade, süchtig nach dem Adrenalinkick bei (Extrem-) Sportarten, süchtig nach der Lieblingsserie im Fernsehen. Hier widme ich mich aber einer sehr banalen, wenn auch häufig auftretenden Sucht: Der Nikotinsucht. Als ich das letzte Mal eine rauchte, fiel mir auf, wie nah die Liebe bzw. Beziehungen und Zigaretten doch beieinander liegen. Zumindest weisen sie einige Gemeinsamkeiten auf.

Erstmal, die Zigarette an sich. Sie ist wie eine Beziehung. Am Anfang entfacht das Feuer, das aufglühen der Leidenschaft. Und wenn man einmal eine hatte, kann man nicht mehr aufhören. Aber jede Beziehung ist so verschieden, wie jede Zigarettenmarke. Es gibt die Beziehungen, die schwierig sind, an denen man arbeiten muss, bis sie schließlich perfekt werden (Selbstgedrehte Zigaretten). Es gibt die, die lange dauern, fast eine Fernbeziehung sind (Marlboro 100) und die, die eher leicht und „dünn“ sind (Eve 120). Es gibt Menschen, die immer auf den gleichen Typ bei ihrer Partnerwahl zurückgreifen, also einen gewissen Standard haben, genau wie es auch Standard-Kippen gibt (Gauloises, Marlboro). Dann muss man sich auch immer auf den neuen Partner einstellen, auf seine Eigenarten, seine Macken, was manchmal unbeschwert (Light-Zigaretten) und manchmal auch ziemlich „hart“ sein kann (Schwarzer Krauser). Es gibt Menschen, mit denen man sich auseinander setzen muss, obwohl man sie eigentlich widerlich findet (Menthol-Zigaretten) und Menschen, bei denen man einfach nur das pure, reine Glück spürt und sich so frei fühlt, wie der Marlboro-Cowboy (Reval ohne Filter). Dann gibt es Beziehungen, die man nur führt, um einen gewissen Geltungsdrang zu stillen (Davidoff) und Beziehungen, die man nur nimmt, weil sie billig hergehen (Tawa oder einfach eine Kippe vom Boden aufheben und nochmal anzünden). Manche lässt man auch einfach ausgehen, weil man nicht mehr kann oder nicht mehr will und vielleicht besteht noch die Chance, dass man das Feuer nochmal entfacht, oder man drückt sie einfach aus, im ewigen Aschenbecher des Lebens.

Besonderer Dank geht an Flo und Jules, die diesen wunderbaren Gedankengang weitergesponnen haben.

Das aktuelle Buch von Mirjam Dreer heisst Kleinstadtschlampe ISBN 978-3866081246