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Aquaplaning von CHRISTIAN RITTER

6. Dezember 2010

Kaum dass ich mich mit Vorsicht ins übertemperierte Badewasser habe ganz hineinrutschen lassen, bemerke ich, dass ein essentielles Utensil fehlt. Die Weinflasche steht parat, die Zigarillos harren ihrer Verknappung, der Plastikaschenbecher schippert im Wellengang über meinem Gemächt, der CD-Spieler gibt die jüngsten misanthropischen Ergüsse Jochen Distelmeyers, das Mobiltelefon schweigt still in der Seifenschale – nur: die Seife fehlt.
Was bringt ein Vollbad ohne Seife? Das passt nicht, da fehlt doch was. Das Ying und Yang ist aus dem Gleichgewicht, ein Vollbad ohne Seife. Das ist ja, das ist ja, also, mir fehlen die Worte.
Man stelle sich vor, man bekäme eine Kugel Haselnusseis ohne Waffel. Wie soll man die denn essen, da macht man sich die Hände ganz dreckig! Und wenn man nachher die braune klebrige Pampe an arglosen Passanten abwischt, beschweren die sich auch noch.
Oder man geht in eine öffentliche Sauna und da sitzt keine beleibte Frau mit platten Brüsten bis zu den Knien – die ständig sagt „hier sind wir alle gleich“.
Oder die USA ohne den internationalen Terrorismus. Das ergibt doch gar keinen Sinn, was sollten die Soldaten den ganzen Tag machen? Am Ende werden sie noch schwul vor lauter Langeweile – und spielen täglich beim Duschen nach dem Morgensport mit ihren muskulösen schwarzen und weißen Körpern das Spiel „Hoppla, jetzt ist mir die Seife runtergefallen.“ Die haben wenigstens Seife. Wo ist meine Seife? Ich will meine Seife!
Ich beschließe aus Trotz, so lange unterzutauchen, bis irgendetwas passiert.
Nach 30 Sekunden unter Wasser bereue ich das Vorhaben, warte aber vorsorglich noch ab.
Zu meinem Glück löst sich just in diesem Moment eine Wandkachel und plumpst in die Wanne. Das war ein deutliches Signal. Ich tauche auf, greife zum Telefon und rufe Dimitri an, meinen besten Freund.
„Hallo, Dimitri hier.“
„It’s me, August. Dimitri, was machst du?“
„Ich liege in der Badewanne.“
„Nein! Ich auch!“
„Oh toll, wenn wir jetzt Schulmädchen wären, würden wir die Finger einhaken und uns etwas wünschen, weil wir gleichzeitig das Selbe tun. Ich wünsche mir ein Fahrrad.“
„Und ich den Weltfrieden. Aber kommen wir mal zum Punkt. Das glaubst du nicht: ich habe hier gar keine Seife.“
„Ein Bad nehmen ohne Seife. Das ist ja wie wenn man in die Sauna geht und da sitzt keine beleibte Frau mit platten Brüsten bis zu den Knien.“
„Das hab ich mir auch schon gedacht.“
„Oder wie das Dritte Reich ohne Hitler.“
„Ja, das wäre wohl ähnlich gravierend gewesen. Manchmal sind diese Nazi-Vergleiche wirklich angebracht. Also pass auf: ich bin echt dreckig. Also nicht dreckig wie ein KFZ-Mechaniker oder eine verölte Möwe, aber schon ziemlich dreckig. Nur Wasser hilft da nicht. Ich brauche Seife.“
„Wie dreckig bist du denn genau?“
„Mal schauen — unter zwei Fingernägeln ist es schwarz.“
„Zwei von fünf oder zwei von zehn?“
„Moment — unter sechs von zehn Fingernägeln ist es schwarz.“
„Oh ja, das ist dreckig.“
„Was machen wir denn jetzt?“
„Bleib wo du bist, ich lass mir was einfallen.“
Dimitri lässt sich was einfallen. Das kann dauern. Ich plätschere den Aschenbecher herbei und rauche drei Zigarillos. Cognac dipped. Ich habe sie in einer fremden Jacke gefunden, als wir Dienstag zur Happy Hour auf der Bowlingbahn waren, acht Mexikaner Vierfuffzich. Das Telefon klingelt. Das ging flott.
„Hallöchen.“
„Herr August?“
„Richtig.“
„Herr August, wir müssen über Ihre Ergebnisse vom MRT reden.“
„MRT?“
„Sie wissen schon, die große Röhre, in die wir Sie gestern geschoben haben, wo Sie sich die Musik aussuchen durften.“
„Oh ja, das war lustig. Als ich Scatman von Scatman John hören wollte und das hatten Sie nicht. Wissen Sie noch?“
„Ja ich weiß, das war gestern. Sie sollten schnellstmöglich vorbeikommen. Ihre Ergebnisse sind – nicht grade optimal.“
„Okay. Aber ich kann hier nicht weg.“
„Weshalb?“
„Ich habe keine Seife!“
„Oh … es scheint sich ausgebreitet zu haben.“
„Sollte ich jemals wieder aus der Badewanne rauskommen, schau ich bei Ihnen vorbei, versprochen.“
„Wir schicken einen Wagen.“
„Ach Quatsch. ICH melde mich bei IHNEN.“
Das wollte ich schon immer mal sagen. Bei meinen Vorstellungsgesprächen war das immer andersrum. Gemeldet haben sie sich nie. Naja, es gibt Wichtigeres. Ich habe noch immer keine Seife. Außerdem ist ein Loch in der Wand. Hoffentlich war es keine tragende Kachel. Ich schenke mir ein Glas Wein ein und warte ab. Das Telefon klingelt. Es ist Dimitri.

„August, kannst du mir mal aufmachen?“
„Wie soll das bitte gehen? Ich liege in der Wanne.“
„Ich lass mir was einfallen.“
Mein schriftstellerisches Talent reicht nicht so weit, dass ich das Geräusch einer Metall-Gießkanne, die Fensterglas durchbricht, plastisch beschreiben kann. Aber ich versuche es mal: klirrrrr. Kurz darauf klopft es an der Badezimmertür. „Herein.“
Dimitri öffnet und kommt enthusiastischen Schrittes auf mich zu. „Juhu“, schreie ich, und Dimitri erwidert: „Hier kommt der Retter in der Nooooo-“ Während des lang gezogenen Os hebt er vom Boden ab, kracht mit dem Hinterkopf aufs Waschbecken und landet schließlich punktgenau auf der Personenwaage. Sein Kopf wiegt 5,2 Kilo und als er auf meiner Seife ausgerutscht ist, hat er sie geschickt in meine Richtung manövriert, so dass ich sie bequem aus der Wanne heraus erreiche. Ich reinige meine Fingernägel und den Rest meines Luxusbodys, rauche noch ein Zigarillo, steige aus und frottiere mich trocken. Ich untersuche Dimitri, stelle fest, dass er noch atmet, kein Blut ausgetreten ist und er sowieso ganz friedlich aussieht. Soll er sich mal ausruhen. Ich lege mein Handtuch unter seinen Kopf und gehe ruhigen Schrittes zur Haustüre, an der es seit Minuten Sturm klingelt.
Es ist ein Krankenwagen, mit rotierendem Blaulicht, aber ohne Sirene. Schade. Die Jacken der Rettungssanitäter fand ich schon immer ganz hübsch, noch hübscher als die von Müllmännern. „Sind Sie Herr August?“ werde ich gefragt.
„Nein“, antworte ich. „Herr August liegt im Badezimmer. Er ist gestürzt. Vorher hat er ganz wirr geredet. Vielleicht hat ihm die Untersuchung gestern nicht gut getan.“
Als Dimitri kurz später als ich an mir vorbei getragen wird, fällt ihm eine Schachtel mit Seife aus der Jackentasche. Teure Sorte. Er ist wirklich ein guter Freund.

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