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Hammer of Justice von ROBERT POLZAR

29. November 2010

Angefangen hat alles mit dem Scheißdynamo. Mein Fahrrad ist über dreißig Jahre alt und hat so einen alten mechanischen Dynamo, den man an den Reifen klappen muss. Wenn es regnet dreht er durch und das Licht bleibt aus. Kann ich nix für. Scheißkonstruktion. Dafür bin ich schneller, weil das Scheißteil mich nicht bremst und ich habe Augen wie ein Lux, scheiß auf die Dunkelheit, ich bin schwärzer; leichte, schwarze Radjacke, schwarze Tights, schwarze Schuhe, schwarze Seele, get out of my way.
Scheiß Polizeikontrolle. Sie stehen regelmäßig an der Brücke und klugscheißen über Verkehrssicherheit. War bisher nie ein Problem, mein Scheißfahrrad ist scheißverkehrssicher, aber bisher haben sie mich nur am Tag angehalten. Scheißbullen.
„Guten Abend, würden Sie bitte absteigen, ihr Licht ist nicht an.“
„Doch ist es.“
„Halten Sie mich für blind. Ich sehe doch, dass es aus ist.“
„Sehen Sie mal nicht, hören sie mal lieber.“
Ich nehme das Vorderrad hoch und drehe den Reifen mit der Hand. Schwach aber deutlich hört man den Dynamo surren.
„Sehen Sie es jetzt?“
„Ja, aber es brennt nicht.“
„Kann ich ja nix für.“
„Damit können Sie bei Nacht aber nicht fahren!“
„Klar kann ich. Ist nicht mein Problem, wenn ihre Verkehrssicherheitsgeräte nicht funktionieren. Und ich hab das Scheißfahrrad als scheißverkehrssicher gekauft, also könnten Sie mich jetzt bitte durchlassen.“
„Mäßigen Sie mal ein bisschen ihre Sprache. Was ist denn das, da fehlen doch die Reflektoren.“
Ja, Scheiße, die Reflektoren. Hat der Arsch in der Werkstatt im Frühling geklaut, wahrscheinlich seine Art von Trinkgeld eintreiben. Oder es war irgendein Penner, der das Schloss nicht aufbekommen hat. Egal, jedenfalls ist es mir erst nach der Werkstatt aufgefallen und weg ist weg. Am Hinterrad sind noch zwei, ich hatte beschlossen, dass die reichen.
„Echt? Scheiße, die muss mir gerade einer geklaut haben. Als ich heute Morgen losgefahren bin, waren die noch dran, ich schwör´s.“ Ein sehr schiefer Blick.
„Was denn?!!? Ey, Mann, mein Fahrrad steht den ganzen Tag draußen, weißt Du wie oft da schon einer versucht hat, das Scheißschloss aufzubrechen. Sind halt weg, ist mir nicht aufgefallen, ich kauf neue. Kann ich jetzt weiter fahren, mir ist kalt!“
Es ist scheißkalt. Und es regnet. Und ich hab nur sehr dünne Sachen an. Schwarz, aber dünn. Ich brauche Bewegung. Aber ich hab wohl einmal zu oft Scheiße gesagt.
„Ich glaube nicht, dass sie heute noch damit irgendwohin fahren. Zeigen Sie mir bitte mal ihren Ausweis und ihren Führerschein, wenn Sie einen haben.“
„Ey Mann echt, das reicht jetzt ich erfriere hier und ich hab nichts gemacht, lassen Sie mich endlich durch.“
„Ihre Papiere bitte.“
„Lassen Sie mich durch! Fuck, Mann, ich erfrier hier, scheiß auf die Reflektoren, ich kaufe morgen neue, aber ich muss jetzt echt hier weg.“
„Sie kommen hier nicht eher weg, als bis wir hier fertig sind.“
„Falsch! Ich kenne meine Rechte, sie können mich nicht festhalten, wenn ich nichts gemacht habe. Ich fahr jetzt los. Ey Du Fotze, lass mein Fahrrad los.“ Seine Scheißkollegin krallt ihre Scheißhühnerklauen in meinen Gepäckträger und hält mich fest.
„Ey verdammt“, schreie ich mit schriller Stimme, „das reicht jetzt, zeigen Sie mir ihre Dienstausweise, ich lege Beschwerde gegen Sie ein. Ich kenne meine Rechte.“
„Wollen Sie sich richtigen Ärger einhandeln. Sie beruhigen sich jetzt bitte, oder wir müssen Sie auf die Wache mitnehmen.“
„Zeigen Sie mir ihre Ausweise, oder ich schreie hier die ganze Gegend zusammen.“
Seine Hand tastet sich in Richtung der Handschellen, die hinten an seinem Gürtel sind. Kenn ich, den Griff, hab ich schon tausend Mal gesehen. Ich werde ganz ruhig.
„Ok“, sage ich, „Ich rufe jetzt die Polizei.
„Äh, was wollen Sie bitte?“
Ich achte nicht auf ihn und tippe schon. 112. Die Zentrale geht dran.
„Hallo, mein Name ist Soundso, ich werde hier von zwei Personen widerrechtlich festgehalten, die sich als Polizisten ausgeben und sich weigern, mir ihre Dienstausweise zu zeigen. Ich stehe an der Brücke … bitten kommen Sie schnell.
Ich hab schnell geredet. Schneller als der Scheißbulle das verarbeiten konnte. Er keucht entsetzt und versucht mir das Handy zu entwenden. Dabei fällt es runter. Ich schreie ihm hinterher. „Hilfe, ich werde angegriffen!“
Das war vor Gericht der Todesstoß für die Verteidigung. Zähneknirschend gibt das Gericht mir Recht. Ein unabhängiger Gutachter (ein Freund meines Vaters, aber das weiß hier keiner) und Besitzer eines Fahrradladens hat mein Fahrrad als Verkehrssicher nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung bestätigt. Die beiden Scheißbullen werden wegen Nötigung und Anmaßung im Dienst mit Disziplinarstrafen belegt. Der Staatsanwalt hat versucht, mit mir eine außergerichtliche Einigung zu erreichen, aber Scheiße!, ich kenne meine Rechte, soll doch jeder wissen, was für verkackte Schweine unsere angeblichen Freunde und Helfer sind. Und mittlerweile weiß es jeder. Die Scheißpresse hat sich drauf gestürzt wie Scheißfliegen auf einen gewaltigen Scheißhaufen. „Rechtssystem schlägt sich selbst“ und so. Mir alles scheißegal.
Nach der Verlesung des Urteils dreht sich das blasse Gesicht des Polizeichefs zu mir und sagt: „Na, herzlichen Glückwunsch, Fräulein (sarkastisch), aber seien Sie sich bewusst, dass Sie von uns in Zukunft mit keinerlei Unterstützung mehr rechnen werden können.“
Oha. Ist der bescheuert? Ich bitte das Gericht einen Moment zu warten und berate mit meinem Anwalt. Schließlich sage ich zum Richter: „Euer Ehren, haben Sie gehört, was der Polizeichef eben zu mir gesagt hat?“ Natürlich hat er, er hat es ja durch den halben Saal geschrien.
„Ich möchte den Polizeichef anzeigen weil er mir gedroht hat und wegen vorsätzlicher unterlassener Hilfeleistung.“ Im Saal bricht ein Tumult los, sogar der Richter wird noch blasser. Vielleicht haben ihn auch die ganzen Kamerablitze ausgebleicht. Die Presse ist außer sich, die Staatsorgane auch. Aber was kann ich dafür, ich spiele nur ihr Scheißspiel mit ihren eigenen Scheißregeln. Scheiße, ich kenne meine Rechte!
Der Polizeichef musste gehen und die Politiker überlegen eine Neustrukturierung und Disziplinierung der Polizei, angefangen bei Lohnkürzungen. Das war heute morgen. Jetzt ist es Nacht und ich bekomme Besuch von vier schwarz gekleideten Gestalten. Sie bewegen sich extrem geschmeidig und man sieht, dass sie wissen, was sie tun. Wahrscheinlich GSG9 oder sonst irgendeine Sondereinheit. Ich kann sie durch das Infrarotzielgerät sehr gut erkennen. Außerdem sehe ich, was sie nicht sehen, nämlich die acht Männer die in den Schatten und Nischen auf sie warten. Ich hab durch die Sache jetzt viele neue Freunde, die auch wissen, was sie tun. Wahrscheinlich auch GSG9er, Ex natürlich, Polizeifreaks, etc. Ist mir egal. Die hocken alle in meinem Haus, ich gegenüber auf der anderen Straßenseite. Schießtraining hatte ich heute auch und der kalte Stahl in meiner Hand fühlt sich gut an. Hungrig. Scheiße, Mann, ich kenne meine Rechte.

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Robert Polzar wird im Herbst 2011 sein erstes Buch veröffentlichen.

Der Titel wird wohl sein: „Wir sollten dringend was zusammen machen“

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3 Kommentare leave one →
  1. pedisun permalink
    2. Dezember 2010 10:15

    Ich hab‘ selten SO gelacht… 😀

    Ich will mehr davon!

    Herzlichst
    pedisun

  2. 17. Januar 2011 12:02

    — großartig, ich will das lesen, eigentlich.
    Schade, dass es mit 54 mal scheiße zerschossen wird. Könnt ihr zwei Ausgaben bringen?

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