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Manuela und ich machen Musik … von DIRK BERNEMANN

15. November 2010

Die Müdigkeit, die mich durch diese Tage trägt wird irgendwann als Phase der Entwicklung für eine neue, andere, bessere, größere Art der Literatur gelten.

Ich gleite durch die Räume meines Palastes, irgendwas riecht seltsam, könnte ich sein, bin ich aber nicht, es ist der Biomülleimer. Kurz bevor er wieder zu einem langweiligen Gespräch über Kommunismus ausholen will, greife ich vor und sage: „Pass mal auf, ich habe in meinem Leben gelernt Orte nicht nach ihrem Grad der Versifftheit zu bewerten, denn manchmal passieren an den versifftesten Orten die coolsten Geschichten. Immerhin gehe ich auch in Orten wie Düren spazieren.“ Der Biomülleimer gibt auf. Zunächst.

Ich schreibe Manuela einen Brief, dessen Überschrift ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION ist und in dem ich ihr einige Fragen zum Zeitgeschehen stelle. Zum Beispiel will ich wissen, wie es um ihre unendliche Jagd nach dem perfekten Wort steht. Sie hat mal angefangen es zu suchen, das perfekte Wort und

Sie schreibt mir auf keine Frage eine Antwort, sondern lediglich, dass ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION einer der besten Bandnamen ist, den sie jemals gehört hat und das man fix eine Band gründen sollte, irgendwas emomäßig krachig Knarziges mit leichtem Electroflair und Harmonie- sowie Brüllgesang. Einen Text fügt sie bei. Einen Text, den sie sich so gerade aus den Hirnlappen gewrungen hat und den sie mir als Einstieg zur Bandgründung kredenzt:

ich bin nicht traurig
nur nicht immer lustig
Helene Hegemann hat auch
mir eine Idee geklaut
und zwar die für ihre
Scheißfrisur
und: Mal sehen, was sich einrichten
läßt sagen nie Menschen, die es ernst mit
dir meinen, sondern nur individuelle
Innenausstatter …
bestatten Sie? Nein ich bin nur der
Gärtner, Arschloch …

Ich schreibe ihr, dass ich den Text auf jeden Fall gut finde, bis auf den Part mit Helene Hegemann, weil ich als Inhaber einer Scheißfrisur ungern Leute wegen ihrer Haare disse, aber ansonsten ginge die Sache klar.

Ich bekomme wieder Post von Manuela. Dieses Mal hat sie auch einen Albumtitel, der da lautet: Eins noch Nietzsche, weißt du eigentlich wie weh es tut, einen tanzenden Stern zu gebären? Ich finde den Satz gut, doch schreibe ihr, dass ich es als Albumtitel zu kettcarlastig finde und schlage ihr vor, unsere erste Platte Giganten demütigen zu nennen, was sie gut findet und mir im nächsten Brief davon berichtet, dass sie morgen damit beginnen möchte, ihre Befähigung 2 Akkorde auf der Gitarre zu spielen erweitern möchte.

Ich schreibe ihr, dass ich mit dem Musikmachen nie etwas zu tun hatte, lediglich die Fähigkeit besäße, Musik zu fühlen und dazu gern in Bewegung gerate. Arsch, Hirn, Herz, Beine, es gäbe ja immer was, worauf so eine Musik zielen würde. Worauf unsere Musik den zielen solle, frage ich Manuela postalisch.

Auf Schiffe, schreibt sie mir zurück. Schiffe wären ja wohl das unnatürlichste Fortbewegungsding, was es weltweit gäbe und das Meer gehöre in Ruhe gelassen. Manuelas Zorn richtet sich aber auch auf die, die immer zum Meer fahren, um es anzugaffen und dabei romantische Gefühle erwarten. Die trügen doch alle ein Element der Idotie in sich, diese Meergaffer, schreibt sie, alle, wie sie da sitzen und in die Weite starren, als ob ihnen die Weite da draußen irgendwas offerieren könnte. Einen Scheiß kann die Weite, schreibt Manuela und fügt hinzu, dass sie gestern mit einem Schlagzeuger, dessen Leben aus dem Takt gekommen ist, Ponygeschetzeltes essen war. Das Schlimme an diesem Mann war, dass er mehr an ihrem Leben interessiert war, als sie selbst und daher schickte sie ihn weg, denn niemand sollte mehr am eigenen Leben interessiert sein, als man selbst.

Ich lobte Manuela im folgenden Brief für ihre Attacken auf Meeresufersitzer, die würde ich auch gerne ausrotten. Ein paar Spaziergänge mit Flammenwerfern an beliebten Romantikstränden würden vielleicht ausreichen um ein deutliches Zeichen zu setzen, schlage ich vor. Leute, die am Meer sitzen, am besten noch mit Jack-Wolfskin-Partner-Jacken, sich Sonnenauf- oder untergänge angucken und das mit ihren dummen Digitalkameras festhalten und dann so richtig feste in die frische Brise reinatmen, die sollte man alle einsperren, nicht nur wegen ihres Modegeschmacks, schreibe ich.

Manuela schreibt, dass sie es nicht für richtig hielte, Leute wegen ihrer Bekleidung anzuzünden. Das solle man dann von Fall zu Fall entscheiden. Sie schreibt außerdem, dass sie das mit der Band doch für keine so gute Idee hält, aber gerne ein Praktikum in der Terroristenbranche machen würde. Nichts Religiöses, lieber was Politisches. Aber weh tun solle es schon, irgendwem.

Ich schreibe ihr, dass ich das bedaure, aber ihre andauernde Ziellosigkeit begrüße. Ziellose Leute gäbe es ohnehin viel zu wenig. Und vor allem, welche die es genießen können, ziellos zu sein. Ich beglückwünsche sie zu ihrer Denkweise.

Manuela schreibt, dass sie ohnehin nicht wisse, wie das mit den Zielen funktionieren soll. In dieser immer steiler gehenden Welt wäre es doch das Sinnvollste man spränge von Stein zu Stein im reißenden Fluß der Wirklichkeit und zwar solange das noch ginge. Sie wäre ja auch grad mal 42 Jahre alt und empfindet immer noch tiefen Suspekt für die, die sich für etwas entscheiden und das dann ihr Leben lang durchziehen. Sie wisse immer noch nicht, wann die beschissenen Proben zu Ende wären und das endlich losginge mit dem Leben hier, mit der verfickten Uraufführung mit dem am Fluß sitzen können und glücklich sein, mit dem irgendwo-verwurzelt-sein, mit dem aufhören-sich-überall-zu-entwurzeln-Scheiß. So ein Leben müsse doch auch mal im Schatten liegen und in Ruhe gepflegt werden.

Recht habe sie, schreibe ich zurück, dieses „anfangen-aufzuhören“-Gefühl sei meiner Ansicht nach nicht das Mieseste, was zu erleben sei. Ich schreibe ihr nicht zurück, rufe sie an und beleidige ein wenig ihre Unsicherheit, solange, bis sie sich sicher ist, Eigentümerin eines der wunderbarsten Leben der Menschheitsgeschichte zu besitzen.

Anschließend gehe ich wieder in meinem Palast umher. Die Weite der Räume macht mich müde, die Anzahl der Möglichkeiten ebenso. Irgendetwas riecht immer noch seltsam. Mein Biomülleimer meldet sich zu Wort. Es ist Zeit über das Leben nachzudenken, wie es jetzt gerade ist.


Das aktuelle Buch von Dirk Bernemann heisst Vogelstimmen ISBN 978-3-86608-135-2 und gibt es hier zu kaufen

Alle Bücher von Dirk Bernemann findet ihr hier

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