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Beggarsland von ROBERT POLZAR

8. November 2010

Es ist für Fremde immer eine seltsame Erfahrung, diese Stadt zu betreten. Auf dem Weg vom Haupttor zu dem großen Platz mit dem Zwillingsminarett lauern sie ihnen auf, klammern sich an ihre Mäntel und Röcke und recken ihnen flehende Hände und Geschwüre statt Gesichtern entgegen.
„Herr, Herr, beim Propheten und seinen Jüngern, eine milde Gabe, bitte, erinnert euch an die Pflicht, Almosen zu geben, Herr.“ Die Fremden stoßen sie zur Seite, angewidert von ihrem fauligen Atem und den tiefen eiternden Wunden an ihren Armen und Händen. Sie bedecken ihre Gesichter mit Tüchern und weichen von den Häusern, den Türen und den Vordächern in die Mitte zusammen, rücken Rücken an Rücken und suchen den Weg auf den rettenden Platz in der Mitte der Stadt.
Doch sie folgen ihnen. Auf ihren Stümpfen kriechen sie den Gehenden hinterher und verdoppeln ihre Rufe: „Herr, Herr, so haltet ein, erinnert euch eurer Pflicht, Herr, doppelter Segen ist gewiss dem jenigen der gibt. Herr, so wartet doch, ein Heller für euer Heil, ein Heller für euer Heil, gebt doch.“
Die Menge zieht sich noch mehr zusammen. Eilige Schritte, hastiges Stolpern und gedämpfte Rufe derjenigen, die fallen. Eine kopflose Herde wie ein blindes Tier. Hinter ihnen die zerfallende Meute, der Odem der Verwesung und in den Gesichtern die Zeichen der Zersetzung. Die Einäugigen heften ihre Blicke an ihre Beute wie Fliegen ihre Rüssel in tote Haut. Stöhnend recken sie ihre fauligen Finger und treiben die Verfolgung unbarmherzig voran. Ihre Fetzen fetzen über den steinigen Untergrund, ihre Knie stoßen sich blau und grün und wessen Stümpfe auf einem Wagen ruhen, der schabt sie sich blutig am Holz im Wahnsinn der Verfolgung.
Der Platz, nicht mehr weit, liegt in friedlichem Licht und ungewahr des stummen Kampfes der zwei sich nahenden Gruppen.
Nur ganz leise hört man die eiligen Schrittte, dahinter das dumpfe Schaben und hastigen Atem. Schließlich die ersten, es sind die Fremden, ihre Füße haben sie schneller getragen als die Bettler ihre Stümpfe. Erleichtertes Aufatmen als auch der letzte den Schatten entkommt und den lichten Raum betritt. Die verfaulende Meute bleibt im Schatten der Gasse zurück und murmelt leise Verwünschungen. Flüche der Verdammten. Die Fremden atmen auf im kühlen Schatten des Minaretts. Das Gemurre und der leise Fluch des Pesthauchs der Verfolger verblassen in den Geräuschen der Stadt und ziehen sich an den Rand der Wahrnehmung zurück wie Insektenbeine hinter Steinen verschwinden.
Gerettet. Eine heile Welt eine Frage der Wahrnehmung und des Glücks, einen Schritt schneller gewesen zu sein als das Elend.
„Herr, eine milde Gabe.“ Die Fremden erstarren als die Stimme erklingt. Langsam löst sich ein Schatten aus dem Schatten hinter ihnen. Eine Hand tastet sich vorsichtig vor ins Sonnenlicht, geöffnet, mit der Handfläche nach oben, nichts anderes balancierend als eine stumme Bitte. Es folgt der Arm, das Sakko, ein furchterregendes Gesicht und schließlich der andere Arm – mit dem Aktenkoffer.
Erleichtertes Aufatmen.
Sagt einer: „Puh, ich dachte schon, sie wollten Geld von uns.“
Der neue legt den Kopf ein wenig zur Seite.
„Ja, natürlich, was dachten denn Sie?“
Unsicheres Schweigen, Scharren mit den Füßen. „Aber…sie tragen doch einen Anzug.“
„Ja selbstverständlich. Ich arbeite bei der Deutschen Bank“, sagt es und zeigt mit einem Nicken auf die Zwillingstürme hinter ihm.
„Sie sind Bettler? Und bei der Deutschen Bank?“
Ein Lachen das das Eis bricht.
„Sehen Sie mal, ob sie das Geld mir hier geben, einem anderen Bettler oder in eine Filiale von uns bringen ist letztendlich egal. Weg ist es doch so oder so.“
„Und was machen Sie dann hier auf der Straße?“
„Oh das…ein kluger Plan unserer Führungskräfte, von denen ich zufälligerweise einer bin.“ Mühsam vorgeschobene Bescheidenheit lässt ihn auf seine Nägel blicken. Als Applaus ausbleibt sammelt er sich und erinnert sich der Kunden jenseits der unsichtbaren Schalterlinie.
„Wissen Sie, wir haben outgesourct. Eines Tages wurde die Menge an potentiellen Konkurrenten um Ihr Geld hier in den Straßen erdrückend groß. Sie lauerten an jeder Ecke, blockierten die Eingänge zu Geschäften und Bankfilialen und dabei machten sie einen unglaublichen Umsatz. Millionen von Menschen, die diese Stadt jeden Tag durchqueren, vollkommene Befreiung von der Steuer, wissen Sie, was das für einen Reingewinn bedeutet?“ Seine Augen fangen an zu leuchten. „Da dachten wir: „Penner sein – das muss der Renner sein“ und haben unsere gesamte Belegschaft mit Ausnahme der Informatik, die lebt sowieso im Keller, an die frische Luft verfrachtet und unsere Büroräume an den Staat, Abteilung Asylantenlager vermietet. Die werden richtig dick subventioniert,  meckern nicht, wenn auf dem Klingelschild weiter unser Name steht und wir können direkt beim Kunden arbeiten. Ist ja auch gesünder, von wegen Sauerstoff, Licht und so, Stiftung Warentest hat jedenfalls angedeutet, dass e
in Preis als Mitarbeiterfreundlichster Arbeitsplatz im Bereich Elektrosmog ansteht, das ist natürlich eine große – wie sagt man? – Ehre für uns.  Aber genug von ungelegten Eiern, schließlich sind wir ja hier um Geschäfte zu machen. Ich biete Ihnen heute etwas ganz besonderes an: Zwei statt einem, na wie klingt das?“
Eine vorsichtige Frage: „Zwei statt einem was?
Professionelle Geduld: „Na, Sie geben mir heute zwei statt einem Euro. Ist ein Superdeal, kann ich Ihnen sozusagen als Insider verraten.“ Zwinker.
„Aber…was kriegen wir dafür?“
„Ein gutes Gewissen!?“ witzelt einer verzweifelt.
„Ein was?“ Das erste Mal wirkt der Anzug ratlos
„Ach so, hab ich von gehört, wenn es uns nichts kostet können sie soviel davon haben wie Sie möchten. Ihr Glückstag heute sozusagen.“ Ein breites Grinsen über der aufgehaltenen Hand.
„Eine Frage.“
Leichte Ungeduld umwölkt den Zenit über der Krawatte.
„Bitte.“
„Was ist denn dann mit den Pen…mit den echten Obdachlosen?“
Aus dem Grinsen schälen sich scharfe Zähne. „Feindliche Übernahme. Das war kein Problem, schließlich haben wir größeres Kapital gebunden. Hat uns ein Lächeln gekostet. Die Leute arbeiten jetzt alle für uns oder müssen nicht mehr arbeiten.“
Der letzte Satz schwebt zwischen der zunehmend ratlosen Menge aus der nun ein anderer nach den verschorften Horden vor dem Eingang des Platzes fragt.
„Ach die. Ausländische Investoren. Societé Générale, die hatten ein bißchen Pech in der letzten Zeit. Aber wie Sie sehen, ist Frischluftarbeit nun gängige Praxis.“ Ein Piepen seines I-Phones unterbricht ihn.
„Oh, entschuldigen Sie vielmals, ich würde Sie jetzt doch bitten, ihre Kontobewegungen umgehend zu tätigen, ich muss in Kürze zu einem Meeting.“
„Zu einem…Meeting? Draußen?“
„Ja, selbstverständlich, ich war gerade auf dem Weg dorthin. Sie haben großes Glück, mich überhaupt getroffen zu haben. Wir treffen uns dreimal am Tag auf dem Crackhurengelände vorm Hauptbahnhof. Gleich kommt ein ganzer Zug Schweizer Touristen, das sind erstklassige Geschäftspartner. Zwischendrin stehen wir an den Reisebushaltestellen und machen Geschäfte mit den Asiaten. Das Geschäft boomt, kann ich Ihnen sagen, falls Sie also mal ein neues Arbeitsfeld suchen…“
Er lässt den letzten Satz kurz wirken und: „Wenn Sie jetzt so freundlich wären, Zeit ist Geld“, sagt er und geht mit aufgehaltener Hand durch die Menge.
Die Fremden erkennen die Unausweichlichkeit ihrer Lage. Verhalten klingen erst einzelne, dann immer mehr Münzen in der geldgewohnten Handfläche.
„Besten Dank, die Deutsche Bank wünscht Ihnen einen schönen Aufenthalt in Frankfurt am Main.“, trällert der Mann mit dem Aktenkoffer, den er kurz darauf benutzt um sich einen Weg durch die zersetzte Belegschaft der französischen Bank zu prügeln.
Die Fremden bleiben verloren in der Mitte des Platzes zurück und der Schatten der Zwillingstürme des Deutschen Kredit- und Bankenwesens liegt erdrückend auf ihren Häuptern.
Zum Glück kommt bald ein Angestellter der Commerzbank und reißt sie mit einem unschlagbaren Angebot aus ihrer Lethargie.
Penner sein – das muss der Renner sein.

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