Zum Inhalt springen

Düsseldorf von CHRISTOPH STRAßER

30. September 2010

Werner streckte sich und stieg bedächtig aus dem ICE, der gerade im Bahnhof Halt gemacht hatte.
Auf dem Weg in die Bahnhofshalle warf er die Tüte mit den Brötchen in eine Mülltonne. Seine Frau hatte es sicher gut gemeint, aber nach der zweistündigen Fahrt war dieses Teig und Wurst gewordene Hausfrauenidyll für ihn nicht mehr genießbar.
Werner kannte das Hotel, in dem er die Nacht verbringen sollte. Schon einige Male war er in die Stadt gekommen, um angehenden Teamleitern den letzten Schliff zu geben, was die Personalführung anging. Ein stressiger Job, und Werner war nicht immer glücklich, wenn man ihn hierhin schickte, um sich mit Jungakademikern herumzuschlagen.
In der Halle angekommen, wuchtete er seinen Rollkoffer in ein Schließfach. Den Schlüssel ließ er in seine Sakkotasche fallen.
Er verließ das Gebäude durch einen Seiteneingang und zündete sich draußen eine Zigarette an. Es war bereits kurz nach zehn Uhr abends, und auch wenn es bereits dunkel war, herrschte noch reges Treiben auf dem kleinen Vorplatz.
Werner steuerte auf einen Imbiss zu, um sich wie gewohnt mit ein wenig Cola und Burgern einzudecken. Nur eines seiner kleinen Rituale, wenn er in der Stadt war. Als er den Laden wieder verließ, sah Werner einen Jungen, der nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre sein konnte, vor einer kleinen Mauer hocken. Der Junge saß im Schneidersitz auf dem Boden und fror offenbar. Werner ging zu ihm herüber.
„Was treibst du noch um die Uhrzeit hier?“, fragte er freundlich.
„Nix. Rumsitzen.“, antwortete der Junge.
„Wo sind denn deine Eltern?“, fragte Werner.
Der Junge zuckte nur mit den Schultern und rieb sich die Finger, unter deren heruntergekauten Nägeln sich schwarzer Schmutz gesammelt hatte, wie Werner erkennen konnte.
„Warum gehst du nicht rein, wenn dir kalt ist?“
„Mir ist nicht kalt. Außerdem will ich nicht von den Bullen wieder raus geschleift werden.“
„Verstehe“, sagte Werner und ging neben dem Jungen in die Hocke.
Er sah, wie der Blick des Kleinen kurz die Papiertüte streifte, auf der sich schon die ersten Fettflecken abzeichneten.
Werner musste lachen.
„Hast du vielleicht Hunger?“
Der Junge schüttelte nur den Kopf.
„Dann halt nicht“, sagte Werner, nahm einen der Burger aus der Tüte, wickelte ihn aus dem Papier und biss ein Stück ab.
„Der ist aber echt lecker“, sagte er dann, so gut sein voller Mund es zuließ.
Der Junge sah ein wenig auf.
„Wenn schon, dann eine davon.“
Er deutete auf die Zigarettenschachtel, die ein wenig aus Werners Hemdtasche ragte.
Werner schluckte den Rest des Burgers herunter.
„Von mir aus, sind ja deine Lungen“, sagte er dann und reichte ihm die Schachtel.
„Eben. Ist meine Lunge“, sagte der Junge und zündete sich eine Zigarette an.
Werner steckte die Schachtel wieder ein.
„Wie alt bist du überhaupt?“, fragte Werner.
„Dreizehn. Alt genug zum Rauchen.“
Werner nickte und nahm sich einen weiteren Burger aus seiner Tüte.
„Frag ich dich, wie alt du bist?“, ergänzte der Kleine.
Werner wickelte seinen zweiten Burger aus.
„Kannst du ruhig. Ich bin fast vierzig Jahre älter als du.“
Dann hielt er ihm die Tüte entgegen.
„Ganz sicher nicht? Da ist nur noch einer…“, sagte er.
Der Junge zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette und griff schließlich in die Tüte.
Werner lächelte ihn freundlich an.
„Na bitte. Du musst doch was essen, wenn du schon alleine hier rum sitzt.“
Er warf die leere Tüte vor sich auf den Boden, und der Junge kaute hastig seinen Burger, ohne die Zigarette aus der Hand zu legen. Sekunden später war der Burger verschwunden, und der Junge zog ein letztes Mal an seiner Zigarette.
„Wie heißt du?“, fragte Werner.
„Justin“, antwortete der Junge.
„Okay, Justin. Ich bin der Klaus“, sagte Werner. „Ich geb dir zwanzig.“
„Aber vorher“, sagte Justin.
Werner schüttelte den Kopf.
„Nachher“, sagte er bestimmt.
Werner stand auf, und Justin folgte ihm auf die Toilette.

Das aktuelle Buch von Chrisoph Straßer:

Sexshop ISBN 978-3-86608-138-3 gibt es hier direkt zu kaufen

Weitere Bücher von Christoph Strasser

Werbeanzeigen
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: