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Waiting for something to happen von DIRK BERNEMANN

28. September 2010

Ich war immer einer von denen, die den Verlust von Liebe zelebriert haben. Ganz so, als wäre das ein scheiß Fest, das möglichst würdig zu sein hat und möglichst lange und intensiv gefeiert gehört. Es geht um M., wie so vieles noch um sie geht. Seit sie weg ist und mich ignoriert, laufen im Kopfkino alle möglichen Porno- und Kriegsfilme durcheinander, was die Tage nicht unbedingt zu würdevollen Unterhaltungssendungen werden läßt. Die Sendungen, die in meinem Kopf produziert werden tragen Namen wie “Erde wem Erde gebührt” oder “Ich könnte jedem Always-look-on-the-bright-side-of-life-Mitpfeifer sofort die Fresse polieren”. Wie dünn die Haut doch manchmal ist, merkt man erst, wenn keine Sonne mehr drauf scheint.

Und wieder so ein Tag.

Ein Freund und ich sind im Supermarkt. Im Kopfkino läuft grad ein Gewaltfilm, aber ein sehr lustiger. Ich schlitze den Bauch eines Pferdes auf und lege mich dort hinein, weil mir so endlos kalt ist. Die zitternden Gedärme des Tieres erinnern mich ein wenig an M. und ihre geschmeidigen Umarmungen. Wahrscheinlich habe ich zulange an der Fleischtheke gestanden. Und da stehen wir eingereiht, vor uns die Registrierkasse und du sagst zu mir: „Stell dich nicht so an!“ und ich sag: „Wieso nicht? Tun doch alle.“ Und es piept und die Waren werden verschoben, der große Kreislauf aus kaufen und kacken. Die Kassiererin denkt nicht mehr, der große Apparat hat sie gefressen. Auch sie kauft und kackt. Alles ein großes Kaufen und Kacken. Alles für alle und zwar für viel Geld. Alles minus Leben. Acht Stunden Scanning und dann noch ins Fitnessstudio, dann in ein Fast Food Restaurant und das Leben ist eine geladene Waffe, zumindest meins.

Und noch ein Tag, aber ein ganz anderer.

Dann sitzen wir in deinem Auto und es ist warm. Im Radio läuft dieser Typ, den alle Olli Schulz nennen und der singt „ … nimm die Finger von dem Mädchen, verlaß endlich die Bar, draußen scheint die Sonne, die Nacht ist nicht mehr da …“ Das erinnert mich an Liebe, die Liebe, die mich immer wieder angreift, um mich dumm zu machen. Jetzt nicht, liebe Liebe, flüstere ich ins Auto hinein und die Liebe hält augenblicklich ihr Schandmaul. Im Kopfkino läuft grad ein Film, in dem M. mit einem gesichtslosen Indie-Schönling an der Donau langspaziert, was ihr Herz schneller schlagen macht. Es ist warm. Mein Herz schlägt wild um sich. Boxt von innen gegen meinen Brustkorb, manchmal so sehr, das ich glaube, da kommt gleich eine kleine Faust durch die Rippen. „ … und dann schlägt dein Herz …“ Du kurbelst deine Scheibe runter, hälst deinen schönen Ellebogen in den Wind der Zeit und sagst „ … hahaha, fahrlässig …“ und ich mache das auch und ergänze „ … grob fahrlässig …“. Der Klebstoff unseres Humors ist ein alter, so dass wir uns auch schlechte Witze verzeihen können.

Ein Tag, wie er im Buche steht, aber in keinem, dass ich selbst geschrieben habe.

Mit dem Freund in der Küche. Das Kopfkino lief die ganze Nacht. Ein französicher Kunstfilm, glaube ich, der “Vorwürfe” hieß. Es geht um den Monolog eines Mädchens, das versucht, einem Stein die Liebe zu erklären. Wirklich spannend, aber erfolglos. In diesem Sommer sind wir schon oft in dieser Küche gelandet. Immer irgendwie vorher und nachher. Ich wackle vor dem CD-Player hin und her und es wird elektronisch. Wir duschen uns mit der Bassdrum unseres Vertrauens. Ich lasse Musik wie Wasser durch die Küche laufen. Du bist da und das ist gut. Wir verstehen uns redend. Du sagst, deine neue Freundin spricht fließend japanisch und da fällt mir ein, dass ich nur fließend Wasser kann, das aber gut. Wir trinken Bier und nennen uns „philosophisches Duett, das über Sloterdijk spricht“, aber eigentlich ignorieren wir ihn. Wir trinken mehr Bier. Es ist ein seltsamer Sommer dieses Jahr, es war der Sommer mit M. M. ignoriert mich, seitdem ist wieder Winter. Und der bleibt und der Beat ist gut, Alter, wenigstens ist der Beat gut. Ich habe irgendwann gelernt über meine Trauer zu lachen. Lieber bin ich freundlich zu mir selbst und ich bin so besoffen, dass ich fast selbst glaube, ich sei glücklich …

Ein ganz anderer Tag.

Im Kopfkino ist es heute überraschend ruhig. Ich sitze von der Krassheit meiner Gefühle gelangweilt in meinem Kinokomasessel, fresse wie automatisiert Taccos mit mittelscharfter Salsasauce und schaue der Zeit beim Verfliegen zu. Noch kein Wort gesagt, aber Milliarden Sätze gedacht und dann grunzt das Telefon. Ein Mädchen ruft mich an. Es ist nicht M., sondern eine deren Pathos über ein gesundes Maß hinausgeht. Wir reden sehr lange über die Lage der Nazion, bevor wir persönlich werden. Dann werden wir so persönlich, dass ich es nicht mehr aushalte und auflege. Ich denke mir noch so, wenn das die Lösung ist, die du darstellst, dann will ich schleunigst mein Problem zurück. Es ist gut, ein Problem zu haben. Das macht Aufregung, Aufregung ist was Gutes, ist gut für Lebendigkeit. Manchmal fühlen sich meine Probleme wie der erste bewußte Atemzug nach zehn Jahren Koma an. Ich liebe meine Probleme. Es gibt Menschen, die echte Probleme haben.

Wenn ein Tag sich in enddummer Problematik ausdehnt, können Dinge passieren, die nicht mehr weggehen.

Ein Problem hat mich kürzlich im Traum besucht. Das ging so: Ein Freund und ich. Wir waren zu zweit allein in dumm-dörflichen Gefilden unterwegs. Da waren zwei Typen gefährlich aussehend, an der Bushaltestelle. Wir hatten Waffen. Wir zerlegten die Leute. Die Bushaltestelle explodierte. Ich hatte Angst vor Schuld, versteckte mich im Wald, wo ich irgendwann krank wurde und verhungerte. Dann kam M. vorbei, machte ein Loch in den Boden und gab mich da hinein. In meinem Traum hatte sie Hände wie Baggerschaufeln, an ihre echten Hände erinnere ich mich kaum noch. Ich analysiere meine Träume nicht mehr, ich lasse sie einfach so, wie sie sind. Schön, schrecklich, meist skurril. Ich weiß nicht, ob ich mit den Drogen anfangen soll, die ihr mir ständig anbietet, aber ich glaube ich bin vernunftbegabt und sage einfach: klar, aber nur soviel, dass ich immer wieder zurück an den Anfang kann. Ich lebe eine seltsame Illusion. Im Kopfkino lief heute: “Alle Fingernägel abgekaut und alles ausgeschissen und verdaut”. Ein Beziehungsdrama mit einer Person. Schwieriger Film, geht ja um mich.

Nur so ein weiterer Tag.

Ich denke an eine Zeit, eine ganz bestimmte Zeit als alles gut war. M. war da und fand das auch alles gut. Die Sonne orange, jedes Lächeln milde. Ich saß in der Badewanne und kümmerte mich um meine Hygiene. Nebenbei lief im Nebenraum Musik, ich glaube, es war meine eigene Band. Draußen war ein Sommer und ich freute mich auf einen Abend mit dir. Ich würde mich schön machen für dich, so richtig schön und sie würde sagen: „Danke, dass du dich für mich schön gemacht hast.“ Und wir tanzten, bis wir noch schöner wurden, fuhren mit dem Taxi nach Hause und vor dem Einschlafen lachten wir laut und erfanden mit kleinen Puppen aus Uganda ein Theaterstück mit dem Titel: „Das bringt es auf den Punkt der den Planeten darstellt auf dem ich wohne!“ Wir lachten weiter. Wir konnten nicht mehr aufhören. Heute hatte das Kopfkino Ruhetag. Ich stand davor und nichts passierte. Würde doch was passieren, endlich mal irgendwas, aber der Ruhetag war von beschaulicher Konsequenz.

An irgendeinem Tag ist er gestorben.

Ich habe letztens das Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ von Christoph Schlingensief beendet. Noch bevor er wirklich starb. Ich bin tief berührt und bewegungslos. In dem Buch geht es um Herrn Schlingensief, der Krebs bekommt und damit umgeht, irgendwie und immer denkt er und verzweifelt und manchmal kommt Gott ins Spiel, der mal lacht und mal straft, immer aber irgendwie vor Ort ist und auch ich habe kürzlich mit Gott gesprochen und Gott hat wie üblich nicht zurückgesprochen. Ich versuchs später nochmal. Mein Freund sitzt neben mir im Auto und sagt, dass auch er kürzlich mit Gott gesprochen hast, und ihn gebeten hat, dass Lincoln zu Schalke 04 zurückkehrt. Auch ihm hat Gott nicht geantwortet. Aber er war nicht skeptisch. M. hat mir eine Email geschickt. Scheinbar schulde ich ihr noch Geld. Im Kopfkino langweile ich mich wegen darmzerschreddernder Gewalt. Als ich M.´s Namen auf einen Überweisungsträger schreibe, überweist mir das Leben plumpe Trauer auf mein Emotionskonto und ich heule bis die Sonne rauskommt.

Noch ein Tag aus der Reihe derer, an denen man lediglich irgendwo ist, nichts fühlt außer da zu sein, wenig unternimmt, außer sich selbst darzustellen und Abends immer in Müdigkeiten fällt, die sich anfühlen wie 10 Stunden Baustelle und Schüppe.

Die Frau im Drive-In hat das Tourette-Syndrom. Du bestellst einen Big Mäc, einen Hamburger Royal, eine große Cola und sie antwortet durch die Sprechanlage „ … ein Bic Mäc, du Arschloch, Fotze, Fotze, ein Hamburger, Heil Hitler, Fotze, Fotze, haha, Royal und eine große Fotze Fotze Cola, macht Arschloch, Unfug, nein, nein, Fotze, sieben Euro vierundzwanzig, bitte fahren sie zum nächsten Fenster vor, Fotze, Fotze, Arschloch …“ Du kennst die Frau und als du ihr einen Zehner in die Hand drückst und sie anlächelst und sie fragst ob alles klar sei, guckt sie dich nicht an. Mit M. war ich nie hier. Sie isst keine Schlachtabfälle, ihr Leben ist ein gemüseorientiertes Gesundheitsding. Alles geht gut, weil Zeit vergeht. Kopfkino hat schon wieder zu. Ganz spät Abends läuft noch ein Dokumentarfilm mit dem Titel “Die Wirkung von Masturbation auf das Erinnerungsvermögen” und ich atme so langsam, dass ich mich kaum mehr lebendig fühle.

An manchen Abenden solcher Tage wird es einfach nicht dunkel.

Wir stehen vor der Bar. Die eine von letztens ist auch da, die, deren Namen ich mir nie merken können würde, nicht weil er so außergewöhnlich ist, sondern eher, weil er so einfach ist. „Ich heiße Anna, du Dreck“, sagt sie mir dann, als ich sie wieder „Flokatina“ nenne. Ich mag diese Frau, weil sie aussieht, als sei ihr Leben eine abgesagte Party, die auch nicht wiederholt werden wird. Wir stehen vor der Bar und ich weiß, dass der Sommer zwar seltsam ist und auch weiterhin seltsam sein wird, aber heute abend ist Jazz Festival und ich bin betrunken und ich habe aufgehört zu rauchen. Ich rauche eine und gehe mit euch rein. Das Kopfkino wurde Opfer gehirninterner Brandstifter. Einer hieß Tequila, der andere Jägermeister und sie kamen, mich zu retten.

Wenn der Tag nur noch ein wenig dünner werden würde, er verschwände komplett.

Später sitzen Flokatina und ich auf dem Bürgersteig und reden. Ihr Leben ist tatsächlich eine abgesagte Party. Sie studiert irgendwas, was mich nicht interessiert, hat dauernd Streß mit ihrem Freund, der Franzose ist und sich wie ein Deutscher benimmt und überhaupt hat Flokatina voll den Krisenstreß am Körper und ich sage ihr, dass nichts so viel mit ihr zu tun habe, wie sie selbst und ich sehe wie sie nachdenkt. Wir sitzen rum und rauchen und ich denke an M., ganz kurz nur. M. tanzt in meinem Kopf, aber während unserer Zeit war ich nie mit ihr tanzen, vielleicht deswegen. Ich vermute wirklich, dass unausgelebte Liebe Herzen mit einem unsachgemäß schwerem Gewicht behängen kann, dass sie des regelmäßigen Schlagens müde werden. Von drinnen höre ich Kegelclubgelächter von mit Taxifahrerlederwesten bekleideten Kegelclubmitgliedern. Ich kaufe vom Rosenstraußmann eine Rose , schenke sie ihm und spreche kurz mit ihm über diesen Sommer und er sagt: „Läufte gut“ und lächelt. Ich denke an M., bin so verdammt friedlich in dieser Nacht und lächle auch, obwohl ich

Der Tag hört auch schon wieder auf, er selbst zu sein.

Das Mädchen M. tanzt durch meine Eingeweide. Ich warte darauf, dass etwas passiert, dass ich vielleicht auseinanderfalle oder implodiere. Flokatina ist schon wieder reingegangen und der Rosenstraußmann ist auch schon weg. Ich bin allein. Das ist der Anfang.

Mehr von Dirk Bernemann: www.dirkbernemann.de

Das aktuelle Buch von Dirk Bernemann heisst Vogelstimmen ISBN 978-3-86608-135-2 und gibt es hier zu kaufen

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