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Wir sind umgezogen!!

17. Januar 2011

Die neue Webseite ist fertig und dort werden auch alle neuen Blogeinträge veröffentlicht ab Januar 2011. Natürlich sind auch alle alten Beiträge dort zu finden.

Also auf zur neuen Webseite des Unsichtbar Verlages:

http://www.unsichtbar-verlag.de/index.php?id=unsichtbarerblog

Offene Fragen und offene Wunden von DIRK BERNEMANN

20. Dezember 2010

Immer kurz bevor Du Geburtstag hast, überrennen Dich Fragen. Es ist Zeit für Bilanzierung, brüllen die Fragezeichen hinter den Sätzen und Du brüllst zurück, dass Du das sowieso jeden Tag machst, dass mit der Bilanzierung und dann stellst Du Dir die Frage, wozu das eigentlich gut ist. Denn wenn Du Dich umguckst, siehst Du kaum jemanden, der sich den ganzen Haufen mit Dir fragt und nach 4 Dosen Hansa sagst Du Dir: Es geht darum, einen verdammte Weg durch das Dickicht Deiner Existenz zu prügeln. Fang an, Dich zu fragen, wer Du wirklich bist und spiegel Dich in Deinem Kopf und hoffe, dass Du immer noch schön bist, wenn Du mit Dir fertig bist.

Kennst Du die Farbe des Schamhaares Deiner Mutter? Warst Du ein Wunschkind? Kennst Du noch das Gefühl, getrieben zu sein, von dem was Du tust? Wann hast Du zuletzt gedacht: diesen Moshpit überlebe ich nicht und hast trotzdem getanzt? Wo ist Deine Leidenschaft? Erinnerst Du Dich an Deinen ersten Kuss? Und auch an Deinen letzten? Wieso kannst Du eigentlich betrunken besser Fahrradfahren als Laufen? Und woher weißt Du was Wissen ist?

Wenn Du Dir selbst die Haut abziehst, welche Farbe hat Dein Herz? Interessiert es Dich wirklich? Warum ist es nie ganz dunkel in Deinem Zimmer? Hast Du Angst vor Einbrechern und Terroristen? Warum nicht? Sagst Du den Menschen, die Du liebst, immer die Wahrheit? Hast Du einen Plan? Warum fällt es Dir immer schwerer zu weinen, obwohl Du eine Traurigkeit durch die Tage schleppst, die kein Erbarmen kennt? Erinnerst Du Dich an Captain Future und was er sagte, als die Lage des Planeten immer schlechter, weil das Böse immer mächtiger wurde? Und an Dein kleines gelbes Fahrrad? Und an den Penner, der mit Absicht über Deinen scheiß billigen Fußball gefahren ist mit seinem scheiß billigen Golf und den Du gerne aus seinem Auto gezogen hättest, um ihn zu verprügeln? Wie war Deine Kindheit? Erinnerst Du Dich an gutgemeinte Schläge Deiner Eltern und an den Jungen, dem schwarzes Blut aus der Nase lief, nachdem Du ihm die Schaukel vor den Kopf geschlagen hast?

Weißt Du, wie spät es jetzt ist und was Du heute alles gegessen hast? War es zu wenig und zu ungesund? Warum hast Du keine Armbanduhr? Hast Du ein Kleidungsstück, ohne dass Du nicht leben kannst? Warum bist Du manchmal nur so oberflächlich? Wie kalt ist es eigentlich in Deinem Keller und wieviele Treppen mußt Du runtersteigen? Wünscht Du Dir einen von Drogen für Dich wunderschön verzauberten Ort? Weißt Du noch, wie oft Du das Wort „instabil“ dafür benutzt hast, um Dich selbst zu beschreiben?

Möchtest Du irgendwas vergessen, essen oder trinken und das am besten sofort? Warum kannst Du Dich an ihre Titten, aber nicht an ihre Augen erinnern? Hast Du irgendeine Vorstellung der Höhe der Zahl der von Dir gerauchten Zigaretten? Hast Du jemals aus Trauer, Wut und Hass versucht, die Realität schön zu alkoholsieren und warst enttäuscht, dass es nicht funktioniert hat, bzw. überrascht, als es dann später doch geklappt hat? Bist auch Du jemand der zwischen Kneipenschlägerei und Staatsexamen wunderbar existieren kann?

Erinnerst Du Dich an den allerschlechtesten Witz, den Du je gehört hast? Begleiten Dich offene Fragen, die genauso weh tun wie offene Wunden? Was war die Lüge Deines Lebens? Wie weit ist eigentlich die Wahrheit entfernt von Dir? Hast Du kalte Füße? Angst vor der Zukunft? Angst um die Zukunft? Warum haben Deine Nachbarn Dir letztes Jahr zu Weihnachten eine Tupperdose voll mit selbstgebackenen Keksen hingestellt und grüßen mittlerweile nicht mal mehr, wenn sie Dir im Treppenhaus begegnen? Was ist in der Zwischenzeit passiert? Glaubst Du, dass Dich die schöne Lidl Kassiererin für einsam hält, weil Du immer nur Nahrung für eine Person kaufst?

Hast Du mittlerweile die Fähigkeit die guten von den schlechten zu unterscheiden, bezogen auf Menschen, Oberhemden, Drogen und Platten? Warum triffst Du Dich mit Menschen, die Dir egaler sind als der Postbote? Warum ist Dir der Postbote nicht egal? Bist Du verliebt in ihn? Würdest Du mit ihm rummachen, wenn er sich rasieren würde? Hast Du jemals den Menschen getroffen, von dem Du dachtest, dass er genau es ist und bist einfach an ihm vorbeigelaufen? Warum bist Du nicht verheiratet?

Wie tief kannst Du in Dir graben, um Antworten zu finden? Willst Du überhaupt Antworten? Warum willst Du manchmal weinen, wenn Du Tomte hörst, schaffst es aber nicht? Wann hast Du das letzte Mal im Auto übernachtet? Welche Farbe hat Deine Liebe und wo findet sie statt? Wieso kannst Du nicht damit aufhören, verschiedenfarbige Socken zu tragen? Wann schreibt jemand den Song, für den Du töten würdest? Wann beginnt der Film, der Dich zur Legende macht?

Weißt Du, wo die Menschen sind, die Du liebst? Was ist bloß kaputt mit Deiner Liebe? Warum ist sie so groß? Glaubst Du jemand kann Dich retten? Glaubst Du, Du selbst kannst Dich retten? Hast Du jemals so tief in Dir gegraben, dass Du Deinen Kern gefunden hast? Bist Du zufrieden, mit dem was Du tust und bist? Sehen Dich andere, als den, der Du wirklich bist? Kannst Du Deinem Hass drei Adjektive zuordnen? Wer hat eigentlich Schuld an dieser Scheiße? Warum rasierst Du Dich manchmal wochenlang nicht? Kannst Du immer noch in 30 Sekunden sagen, wer Du wirklich bist? Kennst Du Deinen Lebenslauf? Kennt Dein Lebenslauf Dich?

Wann hörst Du endlich mit dieser beschissenen Fragerei auf? Jetzt vielleicht …?

 

Mehr von Dirk Bernemann: www.dirkbernemann.de

Eigentlich hätten wir glücklich werden können von STEFAN KALBERS

14. Dezember 2010

Eigentlich hätten wir glücklich werden können. Oder immerhin Freunde. Zumindest die nächsten drei Jahre. Danach tauchen erfahrungsmäß die ersten ernsthaften Probleme auf. Und sagen wir mal so, an mir lag es nicht. Ich hätte dich benutzt, du hättest mir gedient. Jeden Tag. Mindestens zweimal. Man sagt, du schluckst ganz ordentlich, bitte, dass werden wir sehen. Am Geld solls jedenfalls nicht scheitern.

Dein Typ wünscht mir viel Spaß und winkt uns hinterher. In spätestens einer halben Stunde soll ich mit dir zurück sein. Bevors losgeht lasse ich meine Hände über dich gleiten, fühlt sich griffig und startklar an. Dann packe ich zu und steige auf. Es fängt auch alles gut an, du gehst hervorragend mit, aber dann kommt dieser komische Geruch von dir, gleich darauf dieser seltsame Laut und ich weiß irgendwas stimmt nicht. War das zu hart für den Anfang? Ich schaue an uns runter. Was ist das denn? So was habe ich ja noch nie gesehen! Ich verliere die Konzentration und das ist der Anfang vom Ende. Du entgleitest mir, du tust mir weh! Komisch, war das gerade mein Bein, das an uns vorübergeflogen ist? Nein, es war der Arm! Ich hab das Stück Holz auf der Straße einfach nicht kommen sehen. Ende einer Probefahrt mit dem Motorrad. Ich werde mich beschweren.

 

Das aktuelle Buch von Stefan kalbers heisst „Ein wenig sterben“ ISBN: 978-3-86608-118-5

Aquaplaning von CHRISTIAN RITTER

6. Dezember 2010

Kaum dass ich mich mit Vorsicht ins übertemperierte Badewasser habe ganz hineinrutschen lassen, bemerke ich, dass ein essentielles Utensil fehlt. Die Weinflasche steht parat, die Zigarillos harren ihrer Verknappung, der Plastikaschenbecher schippert im Wellengang über meinem Gemächt, der CD-Spieler gibt die jüngsten misanthropischen Ergüsse Jochen Distelmeyers, das Mobiltelefon schweigt still in der Seifenschale – nur: die Seife fehlt.
Was bringt ein Vollbad ohne Seife? Das passt nicht, da fehlt doch was. Das Ying und Yang ist aus dem Gleichgewicht, ein Vollbad ohne Seife. Das ist ja, das ist ja, also, mir fehlen die Worte.
Man stelle sich vor, man bekäme eine Kugel Haselnusseis ohne Waffel. Wie soll man die denn essen, da macht man sich die Hände ganz dreckig! Und wenn man nachher die braune klebrige Pampe an arglosen Passanten abwischt, beschweren die sich auch noch.
Oder man geht in eine öffentliche Sauna und da sitzt keine beleibte Frau mit platten Brüsten bis zu den Knien – die ständig sagt „hier sind wir alle gleich“.
Oder die USA ohne den internationalen Terrorismus. Das ergibt doch gar keinen Sinn, was sollten die Soldaten den ganzen Tag machen? Am Ende werden sie noch schwul vor lauter Langeweile – und spielen täglich beim Duschen nach dem Morgensport mit ihren muskulösen schwarzen und weißen Körpern das Spiel „Hoppla, jetzt ist mir die Seife runtergefallen.“ Die haben wenigstens Seife. Wo ist meine Seife? Ich will meine Seife!
Ich beschließe aus Trotz, so lange unterzutauchen, bis irgendetwas passiert.
Nach 30 Sekunden unter Wasser bereue ich das Vorhaben, warte aber vorsorglich noch ab.
Zu meinem Glück löst sich just in diesem Moment eine Wandkachel und plumpst in die Wanne. Das war ein deutliches Signal. Ich tauche auf, greife zum Telefon und rufe Dimitri an, meinen besten Freund.
„Hallo, Dimitri hier.“
„It’s me, August. Dimitri, was machst du?“
„Ich liege in der Badewanne.“
„Nein! Ich auch!“
„Oh toll, wenn wir jetzt Schulmädchen wären, würden wir die Finger einhaken und uns etwas wünschen, weil wir gleichzeitig das Selbe tun. Ich wünsche mir ein Fahrrad.“
„Und ich den Weltfrieden. Aber kommen wir mal zum Punkt. Das glaubst du nicht: ich habe hier gar keine Seife.“
„Ein Bad nehmen ohne Seife. Das ist ja wie wenn man in die Sauna geht und da sitzt keine beleibte Frau mit platten Brüsten bis zu den Knien.“
„Das hab ich mir auch schon gedacht.“
„Oder wie das Dritte Reich ohne Hitler.“
„Ja, das wäre wohl ähnlich gravierend gewesen. Manchmal sind diese Nazi-Vergleiche wirklich angebracht. Also pass auf: ich bin echt dreckig. Also nicht dreckig wie ein KFZ-Mechaniker oder eine verölte Möwe, aber schon ziemlich dreckig. Nur Wasser hilft da nicht. Ich brauche Seife.“
„Wie dreckig bist du denn genau?“
„Mal schauen — unter zwei Fingernägeln ist es schwarz.“
„Zwei von fünf oder zwei von zehn?“
„Moment — unter sechs von zehn Fingernägeln ist es schwarz.“
„Oh ja, das ist dreckig.“
„Was machen wir denn jetzt?“
„Bleib wo du bist, ich lass mir was einfallen.“
Dimitri lässt sich was einfallen. Das kann dauern. Ich plätschere den Aschenbecher herbei und rauche drei Zigarillos. Cognac dipped. Ich habe sie in einer fremden Jacke gefunden, als wir Dienstag zur Happy Hour auf der Bowlingbahn waren, acht Mexikaner Vierfuffzich. Das Telefon klingelt. Das ging flott.
„Hallöchen.“
„Herr August?“
„Richtig.“
„Herr August, wir müssen über Ihre Ergebnisse vom MRT reden.“
„MRT?“
„Sie wissen schon, die große Röhre, in die wir Sie gestern geschoben haben, wo Sie sich die Musik aussuchen durften.“
„Oh ja, das war lustig. Als ich Scatman von Scatman John hören wollte und das hatten Sie nicht. Wissen Sie noch?“
„Ja ich weiß, das war gestern. Sie sollten schnellstmöglich vorbeikommen. Ihre Ergebnisse sind – nicht grade optimal.“
„Okay. Aber ich kann hier nicht weg.“
„Weshalb?“
„Ich habe keine Seife!“
„Oh … es scheint sich ausgebreitet zu haben.“
„Sollte ich jemals wieder aus der Badewanne rauskommen, schau ich bei Ihnen vorbei, versprochen.“
„Wir schicken einen Wagen.“
„Ach Quatsch. ICH melde mich bei IHNEN.“
Das wollte ich schon immer mal sagen. Bei meinen Vorstellungsgesprächen war das immer andersrum. Gemeldet haben sie sich nie. Naja, es gibt Wichtigeres. Ich habe noch immer keine Seife. Außerdem ist ein Loch in der Wand. Hoffentlich war es keine tragende Kachel. Ich schenke mir ein Glas Wein ein und warte ab. Das Telefon klingelt. Es ist Dimitri.

„August, kannst du mir mal aufmachen?“
„Wie soll das bitte gehen? Ich liege in der Wanne.“
„Ich lass mir was einfallen.“
Mein schriftstellerisches Talent reicht nicht so weit, dass ich das Geräusch einer Metall-Gießkanne, die Fensterglas durchbricht, plastisch beschreiben kann. Aber ich versuche es mal: klirrrrr. Kurz darauf klopft es an der Badezimmertür. „Herein.“
Dimitri öffnet und kommt enthusiastischen Schrittes auf mich zu. „Juhu“, schreie ich, und Dimitri erwidert: „Hier kommt der Retter in der Nooooo-“ Während des lang gezogenen Os hebt er vom Boden ab, kracht mit dem Hinterkopf aufs Waschbecken und landet schließlich punktgenau auf der Personenwaage. Sein Kopf wiegt 5,2 Kilo und als er auf meiner Seife ausgerutscht ist, hat er sie geschickt in meine Richtung manövriert, so dass ich sie bequem aus der Wanne heraus erreiche. Ich reinige meine Fingernägel und den Rest meines Luxusbodys, rauche noch ein Zigarillo, steige aus und frottiere mich trocken. Ich untersuche Dimitri, stelle fest, dass er noch atmet, kein Blut ausgetreten ist und er sowieso ganz friedlich aussieht. Soll er sich mal ausruhen. Ich lege mein Handtuch unter seinen Kopf und gehe ruhigen Schrittes zur Haustüre, an der es seit Minuten Sturm klingelt.
Es ist ein Krankenwagen, mit rotierendem Blaulicht, aber ohne Sirene. Schade. Die Jacken der Rettungssanitäter fand ich schon immer ganz hübsch, noch hübscher als die von Müllmännern. „Sind Sie Herr August?“ werde ich gefragt.
„Nein“, antworte ich. „Herr August liegt im Badezimmer. Er ist gestürzt. Vorher hat er ganz wirr geredet. Vielleicht hat ihm die Untersuchung gestern nicht gut getan.“
Als Dimitri kurz später als ich an mir vorbei getragen wird, fällt ihm eine Schachtel mit Seife aus der Jackentasche. Teure Sorte. Er ist wirklich ein guter Freund.

Hammer of Justice von ROBERT POLZAR

29. November 2010

Angefangen hat alles mit dem Scheißdynamo. Mein Fahrrad ist über dreißig Jahre alt und hat so einen alten mechanischen Dynamo, den man an den Reifen klappen muss. Wenn es regnet dreht er durch und das Licht bleibt aus. Kann ich nix für. Scheißkonstruktion. Dafür bin ich schneller, weil das Scheißteil mich nicht bremst und ich habe Augen wie ein Lux, scheiß auf die Dunkelheit, ich bin schwärzer; leichte, schwarze Radjacke, schwarze Tights, schwarze Schuhe, schwarze Seele, get out of my way.
Scheiß Polizeikontrolle. Sie stehen regelmäßig an der Brücke und klugscheißen über Verkehrssicherheit. War bisher nie ein Problem, mein Scheißfahrrad ist scheißverkehrssicher, aber bisher haben sie mich nur am Tag angehalten. Scheißbullen.
„Guten Abend, würden Sie bitte absteigen, ihr Licht ist nicht an.“
„Doch ist es.“
„Halten Sie mich für blind. Ich sehe doch, dass es aus ist.“
„Sehen Sie mal nicht, hören sie mal lieber.“
Ich nehme das Vorderrad hoch und drehe den Reifen mit der Hand. Schwach aber deutlich hört man den Dynamo surren.
„Sehen Sie es jetzt?“
„Ja, aber es brennt nicht.“
„Kann ich ja nix für.“
„Damit können Sie bei Nacht aber nicht fahren!“
„Klar kann ich. Ist nicht mein Problem, wenn ihre Verkehrssicherheitsgeräte nicht funktionieren. Und ich hab das Scheißfahrrad als scheißverkehrssicher gekauft, also könnten Sie mich jetzt bitte durchlassen.“
„Mäßigen Sie mal ein bisschen ihre Sprache. Was ist denn das, da fehlen doch die Reflektoren.“
Ja, Scheiße, die Reflektoren. Hat der Arsch in der Werkstatt im Frühling geklaut, wahrscheinlich seine Art von Trinkgeld eintreiben. Oder es war irgendein Penner, der das Schloss nicht aufbekommen hat. Egal, jedenfalls ist es mir erst nach der Werkstatt aufgefallen und weg ist weg. Am Hinterrad sind noch zwei, ich hatte beschlossen, dass die reichen.
„Echt? Scheiße, die muss mir gerade einer geklaut haben. Als ich heute Morgen losgefahren bin, waren die noch dran, ich schwör´s.“ Ein sehr schiefer Blick.
„Was denn?!!? Ey, Mann, mein Fahrrad steht den ganzen Tag draußen, weißt Du wie oft da schon einer versucht hat, das Scheißschloss aufzubrechen. Sind halt weg, ist mir nicht aufgefallen, ich kauf neue. Kann ich jetzt weiter fahren, mir ist kalt!“
Es ist scheißkalt. Und es regnet. Und ich hab nur sehr dünne Sachen an. Schwarz, aber dünn. Ich brauche Bewegung. Aber ich hab wohl einmal zu oft Scheiße gesagt.
„Ich glaube nicht, dass sie heute noch damit irgendwohin fahren. Zeigen Sie mir bitte mal ihren Ausweis und ihren Führerschein, wenn Sie einen haben.“
„Ey Mann echt, das reicht jetzt ich erfriere hier und ich hab nichts gemacht, lassen Sie mich endlich durch.“
„Ihre Papiere bitte.“
„Lassen Sie mich durch! Fuck, Mann, ich erfrier hier, scheiß auf die Reflektoren, ich kaufe morgen neue, aber ich muss jetzt echt hier weg.“
„Sie kommen hier nicht eher weg, als bis wir hier fertig sind.“
„Falsch! Ich kenne meine Rechte, sie können mich nicht festhalten, wenn ich nichts gemacht habe. Ich fahr jetzt los. Ey Du Fotze, lass mein Fahrrad los.“ Seine Scheißkollegin krallt ihre Scheißhühnerklauen in meinen Gepäckträger und hält mich fest.
„Ey verdammt“, schreie ich mit schriller Stimme, „das reicht jetzt, zeigen Sie mir ihre Dienstausweise, ich lege Beschwerde gegen Sie ein. Ich kenne meine Rechte.“
„Wollen Sie sich richtigen Ärger einhandeln. Sie beruhigen sich jetzt bitte, oder wir müssen Sie auf die Wache mitnehmen.“
„Zeigen Sie mir ihre Ausweise, oder ich schreie hier die ganze Gegend zusammen.“
Seine Hand tastet sich in Richtung der Handschellen, die hinten an seinem Gürtel sind. Kenn ich, den Griff, hab ich schon tausend Mal gesehen. Ich werde ganz ruhig.
„Ok“, sage ich, „Ich rufe jetzt die Polizei.
„Äh, was wollen Sie bitte?“
Ich achte nicht auf ihn und tippe schon. 112. Die Zentrale geht dran.
„Hallo, mein Name ist Soundso, ich werde hier von zwei Personen widerrechtlich festgehalten, die sich als Polizisten ausgeben und sich weigern, mir ihre Dienstausweise zu zeigen. Ich stehe an der Brücke … bitten kommen Sie schnell.
Ich hab schnell geredet. Schneller als der Scheißbulle das verarbeiten konnte. Er keucht entsetzt und versucht mir das Handy zu entwenden. Dabei fällt es runter. Ich schreie ihm hinterher. „Hilfe, ich werde angegriffen!“
Das war vor Gericht der Todesstoß für die Verteidigung. Zähneknirschend gibt das Gericht mir Recht. Ein unabhängiger Gutachter (ein Freund meines Vaters, aber das weiß hier keiner) und Besitzer eines Fahrradladens hat mein Fahrrad als Verkehrssicher nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung bestätigt. Die beiden Scheißbullen werden wegen Nötigung und Anmaßung im Dienst mit Disziplinarstrafen belegt. Der Staatsanwalt hat versucht, mit mir eine außergerichtliche Einigung zu erreichen, aber Scheiße!, ich kenne meine Rechte, soll doch jeder wissen, was für verkackte Schweine unsere angeblichen Freunde und Helfer sind. Und mittlerweile weiß es jeder. Die Scheißpresse hat sich drauf gestürzt wie Scheißfliegen auf einen gewaltigen Scheißhaufen. „Rechtssystem schlägt sich selbst“ und so. Mir alles scheißegal.
Nach der Verlesung des Urteils dreht sich das blasse Gesicht des Polizeichefs zu mir und sagt: „Na, herzlichen Glückwunsch, Fräulein (sarkastisch), aber seien Sie sich bewusst, dass Sie von uns in Zukunft mit keinerlei Unterstützung mehr rechnen werden können.“
Oha. Ist der bescheuert? Ich bitte das Gericht einen Moment zu warten und berate mit meinem Anwalt. Schließlich sage ich zum Richter: „Euer Ehren, haben Sie gehört, was der Polizeichef eben zu mir gesagt hat?“ Natürlich hat er, er hat es ja durch den halben Saal geschrien.
„Ich möchte den Polizeichef anzeigen weil er mir gedroht hat und wegen vorsätzlicher unterlassener Hilfeleistung.“ Im Saal bricht ein Tumult los, sogar der Richter wird noch blasser. Vielleicht haben ihn auch die ganzen Kamerablitze ausgebleicht. Die Presse ist außer sich, die Staatsorgane auch. Aber was kann ich dafür, ich spiele nur ihr Scheißspiel mit ihren eigenen Scheißregeln. Scheiße, ich kenne meine Rechte!
Der Polizeichef musste gehen und die Politiker überlegen eine Neustrukturierung und Disziplinierung der Polizei, angefangen bei Lohnkürzungen. Das war heute morgen. Jetzt ist es Nacht und ich bekomme Besuch von vier schwarz gekleideten Gestalten. Sie bewegen sich extrem geschmeidig und man sieht, dass sie wissen, was sie tun. Wahrscheinlich GSG9 oder sonst irgendeine Sondereinheit. Ich kann sie durch das Infrarotzielgerät sehr gut erkennen. Außerdem sehe ich, was sie nicht sehen, nämlich die acht Männer die in den Schatten und Nischen auf sie warten. Ich hab durch die Sache jetzt viele neue Freunde, die auch wissen, was sie tun. Wahrscheinlich auch GSG9er, Ex natürlich, Polizeifreaks, etc. Ist mir egal. Die hocken alle in meinem Haus, ich gegenüber auf der anderen Straßenseite. Schießtraining hatte ich heute auch und der kalte Stahl in meiner Hand fühlt sich gut an. Hungrig. Scheiße, Mann, ich kenne meine Rechte.

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Robert Polzar wird im Herbst 2011 sein erstes Buch veröffentlichen.

Der Titel wird wohl sein: „Wir sollten dringend was zusammen machen“

Klassenfahrt von CHRISTOPH STRAßER

24. November 2010

„Aua, Scheiße!“
„Was ist passiert?“
„Ich hab mir nen Nagel abgebrochen.“
„Und das tut so weh?“
„Natürlich, der ist eingerissen.“
„Blutet es?“
„Ich glaub schon.“
„Ich würd dir ja ein Pflaster holen…“, lächelte Boris.
Karin winkte ab.
„Schon gut, warte.“
Sie verließ den Raum, ging in der Küche ans Fenster und hielt ihren Zeigefinger ins Sonnenlicht.
„Von dem Nagel kann ich mich verabschieden“, rief sie zu ihrem Mann.
„Im Verbandkasten müsste noch so ein Jod-Zeug sein.“
„Bitte?“
„Im Verbandskasten“, rief Boris nun lauter. „Jod. Damit sich das nicht entzündet.“
„M-hm“, machte Karin und ging ins Bad, um sich den halb gebrochenen Fingernagel abzuschneiden.
Wieder in der Küche kramte sie in einem der Schränke nach dem Verbandkasten, konnte ihn aber nicht entdecken.
„Schatz, wo ist der Kasten?“, rief Karin mit der verletzten Fingerkuppe im Mund.
„Im Schrank.“
„Nein, da ist er nicht.“
„Da muss er aber sein.“
„Ist er nicht, Boris. Glaub es mir.“
Boris schwieg einige Sekunden.
„Ach nein“, rief er dann. „Ich hab gestern Abend noch eins von den Biene Maja Pflastern gebraucht für Clarissa. Kann sein, dass der Kasten noch bei ihr im Zimmer liegt.“
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass sie sich verletzt hat.“
„Hat sie auch nicht. Sie konnte nur nicht schlafen, weil ein Mückenstich gejuckt hat. Ich hab ihr gesagt, dass er mit einem Pflaster nicht mehr juckt.“
„Bitte?“
„Eine Mücke! Hat sie gestochen.“
„Ach so. Wie süß von dir.“
Karin schob die Schublade zu und ging in das Zimmer ihrer Tochter, die heute Morgen mit ihrer Schulklasse eine einwöchige Klassenfahrt angetreten hatte.
Der Verbandskasten lag noch immer geöffnet auf einer ihrer Spielkisten.
Karin beugte sich hinab und nahm das Fläschchen mit der Tinktur.
„Du kannst den Kasten doch nicht einfach bei ihr im Zimmer stehen lassen“, rief sie ihrem Mann zu, während sie ihre kleine Wunde versorgte.
„Hab’s vergessen. Sorry“, rief der zurück.
„Da ist eine Schere drin, Boris. Wirklich.“
„Tut mir leid, Schatz. Ist ja nichts passiert.“
„Zum Glück“, murmelte Karin und betrachtete ihren Finger, den nun ebenfalls ein buntes Pflaster zierte.
„Wo bleibst du?“, rief ihr Mann.
„Ich komme ja schon“, antwortete Karin und ging zurück ins Schlafzimmer.
Boris hockte noch immer auf allen Vieren auf dem Bett. Im Halbdunkel des Schlafzimmers blitzten die metallenen Fußfesseln auf.
Karin setzte lächelnd ihre Offiziersmütze auf und nahm ihre Reitgerte, an deren griff sie sich vorhin verletzt hatte.
Boris grinste.
„Mein böses Pony kann es ja gar nicht mehr abwarten“, sagte Karin streng und versetzte ihrem Mann einen kräftigen Hieb.

 

Das aktuelle Buch von Chrisoph Straßer:

Sexshop ISBN 978-3-86608-138-3 gibt es hier direkt zu kaufen

Weitere Bücher von Christoph Strasser

„Aua, Scheiße!“

„Was ist passiert?“

„Ich hab mir nen Nagel abgebrochen.“

„Und das tut so weh?“

„Natürlich, der ist eingerissen.“

„Blutet es?“

„Ich glaub schon.“

„Ich würd dir ja ein Pflaster holen…“, lächelte Boris.

Karin winkte ab.

„Schon gut, warte.“

Sie verließ den Raum, ging in der Küche ans Fenster und hielt ihren Zeigefinger ins Sonnenlicht.

„Von dem Nagel kann ich mich verabschieden“, rief sie zu ihrem Mann.

„Im Verbandkasten müsste noch so ein Jod-Zeug sein.“

„Bitte?“

„Im Verbandskasten“, rief Boris nun lauter. „Jod. Damit sich das nicht entzündet.“

„M-hm“, machte Karin und ging ins Bad, um sich den halb gebrochenen Fingernagel abzuschneiden.

Wieder in der Küche kramte sie in einem der Schränke nach dem Verbandkasten, konnte ihn aber nicht entdecken.

„Schatz, wo ist der Kasten?“, rief Karin mit der verletzten Fingerkuppe im Mund.

„Im Schrank.“

„Nein, da ist er nicht.“

„Da muss er aber sein.“

„Ist er nicht, Boris. Glaub es mir.“

Boris schwieg einige Sekunden.

„Ach nein“, rief er dann. „Ich hab gestern Abend noch eins von den Biene Maja Pflastern gebraucht für Clarissa. Kann sein, dass der Kasten noch bei ihr im Zimmer liegt.“

„Du hast mir gar nicht gesagt, dass sie sich verletzt hat.“

„Hat sie auch nicht. Sie konnte nur nicht schlafen, weil ein Mückenstich gejuckt hat. Ich hab ihr gesagt, dass er mit einem Pflaster nicht mehr juckt.“

„Bitte?“

„Eine Mücke! Hat sie gestochen.“

„Ach so. Wie süß von dir.“

Karin schob die Schublade zu und ging in das Zimmer ihrer Tochter, die heute Morgen mit ihrer Schulklasse eine einwöchige Klassenfahrt angetreten hatte.

Der Verbandskasten lag noch immer geöffnet auf einer ihrer Spielkisten.

Karin beugte sich hinab und nahm das Fläschchen mit der Tinktur.

„Du kannst den Kasten doch nicht einfach bei ihr im Zimmer stehen lassen“, rief sie ihrem Mann zu, während sie ihre kleine Wunde versorgte.

„Hab’s vergessen. Sorry“, rief der zurück.

„Da ist eine Schere drin, Boris. Wirklich.“

„Tut mir leid, Schatz. Ist ja nichts passiert.“

„Zum Glück“, murmelte Karin und betrachtete ihren Finger, den nun ebenfalls ein buntes Pflaster zierte.

„Wo bleibst du?“, rief ihr Mann.

„Ich komme ja schon“, antwortete Karin und ging zurück ins Schlafzimmer.

Boris hockte noch immer auf allen Vieren auf dem Bett. Im Halbdunkel des Schlafzimmers blitzten die metallenen Fußfesseln auf.

Karin setzte lächelnd ihre Offiziersmütze auf und nahm ihre Reitgerte, an deren griff sie sich vorhin verletzt hatte.

Boris grinste.

„Mein böses Pony kann es ja gar nicht mehr abwarten“, sagte Karin streng und versetzte ihrem Mann einen kräftigen Hieb.

Manuela und ich machen Musik … von DIRK BERNEMANN

15. November 2010

Die Müdigkeit, die mich durch diese Tage trägt wird irgendwann als Phase der Entwicklung für eine neue, andere, bessere, größere Art der Literatur gelten.

Ich gleite durch die Räume meines Palastes, irgendwas riecht seltsam, könnte ich sein, bin ich aber nicht, es ist der Biomülleimer. Kurz bevor er wieder zu einem langweiligen Gespräch über Kommunismus ausholen will, greife ich vor und sage: „Pass mal auf, ich habe in meinem Leben gelernt Orte nicht nach ihrem Grad der Versifftheit zu bewerten, denn manchmal passieren an den versifftesten Orten die coolsten Geschichten. Immerhin gehe ich auch in Orten wie Düren spazieren.“ Der Biomülleimer gibt auf. Zunächst.

Ich schreibe Manuela einen Brief, dessen Überschrift ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION ist und in dem ich ihr einige Fragen zum Zeitgeschehen stelle. Zum Beispiel will ich wissen, wie es um ihre unendliche Jagd nach dem perfekten Wort steht. Sie hat mal angefangen es zu suchen, das perfekte Wort und

Sie schreibt mir auf keine Frage eine Antwort, sondern lediglich, dass ME:PROBLEM:YOU:SOLUTION einer der besten Bandnamen ist, den sie jemals gehört hat und das man fix eine Band gründen sollte, irgendwas emomäßig krachig Knarziges mit leichtem Electroflair und Harmonie- sowie Brüllgesang. Einen Text fügt sie bei. Einen Text, den sie sich so gerade aus den Hirnlappen gewrungen hat und den sie mir als Einstieg zur Bandgründung kredenzt:

ich bin nicht traurig
nur nicht immer lustig
Helene Hegemann hat auch
mir eine Idee geklaut
und zwar die für ihre
Scheißfrisur
und: Mal sehen, was sich einrichten
läßt sagen nie Menschen, die es ernst mit
dir meinen, sondern nur individuelle
Innenausstatter …
bestatten Sie? Nein ich bin nur der
Gärtner, Arschloch …

Ich schreibe ihr, dass ich den Text auf jeden Fall gut finde, bis auf den Part mit Helene Hegemann, weil ich als Inhaber einer Scheißfrisur ungern Leute wegen ihrer Haare disse, aber ansonsten ginge die Sache klar.

Ich bekomme wieder Post von Manuela. Dieses Mal hat sie auch einen Albumtitel, der da lautet: Eins noch Nietzsche, weißt du eigentlich wie weh es tut, einen tanzenden Stern zu gebären? Ich finde den Satz gut, doch schreibe ihr, dass ich es als Albumtitel zu kettcarlastig finde und schlage ihr vor, unsere erste Platte Giganten demütigen zu nennen, was sie gut findet und mir im nächsten Brief davon berichtet, dass sie morgen damit beginnen möchte, ihre Befähigung 2 Akkorde auf der Gitarre zu spielen erweitern möchte.

Ich schreibe ihr, dass ich mit dem Musikmachen nie etwas zu tun hatte, lediglich die Fähigkeit besäße, Musik zu fühlen und dazu gern in Bewegung gerate. Arsch, Hirn, Herz, Beine, es gäbe ja immer was, worauf so eine Musik zielen würde. Worauf unsere Musik den zielen solle, frage ich Manuela postalisch.

Auf Schiffe, schreibt sie mir zurück. Schiffe wären ja wohl das unnatürlichste Fortbewegungsding, was es weltweit gäbe und das Meer gehöre in Ruhe gelassen. Manuelas Zorn richtet sich aber auch auf die, die immer zum Meer fahren, um es anzugaffen und dabei romantische Gefühle erwarten. Die trügen doch alle ein Element der Idotie in sich, diese Meergaffer, schreibt sie, alle, wie sie da sitzen und in die Weite starren, als ob ihnen die Weite da draußen irgendwas offerieren könnte. Einen Scheiß kann die Weite, schreibt Manuela und fügt hinzu, dass sie gestern mit einem Schlagzeuger, dessen Leben aus dem Takt gekommen ist, Ponygeschetzeltes essen war. Das Schlimme an diesem Mann war, dass er mehr an ihrem Leben interessiert war, als sie selbst und daher schickte sie ihn weg, denn niemand sollte mehr am eigenen Leben interessiert sein, als man selbst.

Ich lobte Manuela im folgenden Brief für ihre Attacken auf Meeresufersitzer, die würde ich auch gerne ausrotten. Ein paar Spaziergänge mit Flammenwerfern an beliebten Romantikstränden würden vielleicht ausreichen um ein deutliches Zeichen zu setzen, schlage ich vor. Leute, die am Meer sitzen, am besten noch mit Jack-Wolfskin-Partner-Jacken, sich Sonnenauf- oder untergänge angucken und das mit ihren dummen Digitalkameras festhalten und dann so richtig feste in die frische Brise reinatmen, die sollte man alle einsperren, nicht nur wegen ihres Modegeschmacks, schreibe ich.

Manuela schreibt, dass sie es nicht für richtig hielte, Leute wegen ihrer Bekleidung anzuzünden. Das solle man dann von Fall zu Fall entscheiden. Sie schreibt außerdem, dass sie das mit der Band doch für keine so gute Idee hält, aber gerne ein Praktikum in der Terroristenbranche machen würde. Nichts Religiöses, lieber was Politisches. Aber weh tun solle es schon, irgendwem.

Ich schreibe ihr, dass ich das bedaure, aber ihre andauernde Ziellosigkeit begrüße. Ziellose Leute gäbe es ohnehin viel zu wenig. Und vor allem, welche die es genießen können, ziellos zu sein. Ich beglückwünsche sie zu ihrer Denkweise.

Manuela schreibt, dass sie ohnehin nicht wisse, wie das mit den Zielen funktionieren soll. In dieser immer steiler gehenden Welt wäre es doch das Sinnvollste man spränge von Stein zu Stein im reißenden Fluß der Wirklichkeit und zwar solange das noch ginge. Sie wäre ja auch grad mal 42 Jahre alt und empfindet immer noch tiefen Suspekt für die, die sich für etwas entscheiden und das dann ihr Leben lang durchziehen. Sie wisse immer noch nicht, wann die beschissenen Proben zu Ende wären und das endlich losginge mit dem Leben hier, mit der verfickten Uraufführung mit dem am Fluß sitzen können und glücklich sein, mit dem irgendwo-verwurzelt-sein, mit dem aufhören-sich-überall-zu-entwurzeln-Scheiß. So ein Leben müsse doch auch mal im Schatten liegen und in Ruhe gepflegt werden.

Recht habe sie, schreibe ich zurück, dieses „anfangen-aufzuhören“-Gefühl sei meiner Ansicht nach nicht das Mieseste, was zu erleben sei. Ich schreibe ihr nicht zurück, rufe sie an und beleidige ein wenig ihre Unsicherheit, solange, bis sie sich sicher ist, Eigentümerin eines der wunderbarsten Leben der Menschheitsgeschichte zu besitzen.

Anschließend gehe ich wieder in meinem Palast umher. Die Weite der Räume macht mich müde, die Anzahl der Möglichkeiten ebenso. Irgendetwas riecht immer noch seltsam. Mein Biomülleimer meldet sich zu Wort. Es ist Zeit über das Leben nachzudenken, wie es jetzt gerade ist.


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